Montag, 18.11.2019
Verkehrsblatt IVW
 

Endspurt mit Hindernissen

Endspurt mit Hindernissen
Voll in Fahrt – noch bis Ende 2019 haben HU-Werkstätten Zeit, ihren Prüfstand zu erneuern oder umzurüsten.
© Foto: MAHA

Hintergrund | Zahlreiche Werkstätten verfügen noch nicht über einen richtlinienkonformen Bremsprüfstand. Die Lieferfristen werden länger und die Montagekapazitäten knapp. Doch das ist nicht das einzige Problem.

Mein Bremsprüfstand muss noch ausgetauscht werden. Ich hatte bislang einfach keine Zeit, mich darum zu kümmern. Vielleicht hat ja ein Hersteller noch einen Bremsprüfstand auf Lager, so dass ich kurzfristig einen bekommen kann", hofft Thomas Holzinger, der sich in den nächsten zwei Monaten mit dem Thema befassen will. So wie dem Werkstattinhaber aus Forstinning geht es scheinbar noch vielen Kfz-Betrieben. Laut Einschätzung des ZDK sind rund 30 bis 40 Prozent der Bremsprüfstände nicht mit der notwendigen Asanetwork-Livestream- Schnittstelle ausgestattet, bei einem Gesamtbestand von rund 38.000 bis 45.000 Prüfständen in Prüfstützpunkten.

(K)ein Engpass in Sicht

Trotzdem gibt sich der Verband optimistisch: "Sofern die Aufträge zur Nachrüstung der vorhandenen Bremsprüfstände bzw. zur Erneuerung der Bremsprüfstände jetzt noch sehr kurzfristig erteilt werden, sehen wir gute Chancen, dass diese Aufträge von den Bremsprüfstandsherstellern bzw. Werkstattausrüstern noch bis Ende dieses Jahres erfüllt werden können", so ZDK-Technikreferent Werner Steber. Auch der ASA-Verband geht aktuell nicht von einem Engpass aus ( siehe Interview Seite 18). Aber die Situation ist mehr als sportlich, das wissen auch die befragten Bremsprüfstandshersteller Actia, AHS Prüftechnik, ATT Nussbaum, Autopstenhoj, Beissbarth, Capelec, Cosber, Heka, Katec, MAHA, Ravaglioli, Saxon Prüftechnik, Snap-on Equipment (Hofmann) und Twinbusch. Nach der stark ansteigenden Nachfrage in den letzten Jahren haben sie sich auf den Endspurt in diesem Jahr vorbereitet und ihre Kapazitäten so weit wie möglich erhöht. Dennoch geht die Mehrheit davon aus, dass es zu einem Engpass kommen kann. Viele Werkstätten hätten die Investition hinausgezögert und wachen jetzt erst auf, heißt es etwa von Saxon Prüftechnik. Autopstenhoj appelliert an Kfz-Betriebe, nicht bis zum letzten Tag zu warten, sonst werde es sehr schwer, Prüfstände oder entsprechende Montagetermine zu bekommen. Denn neben der Lieferung der Prüfstände selbst könnte vor allem die fristgerechte Installation kritisch werden. "Hier müssen Prüfstandsbetreiber mit erheblichen Wartezeiten von bis zu mehreren Monaten rechnen", so die Einschätzung von Herbert Kallinich, Fachbereichsleiter Prüfstände im ASA-Verband.

Auch etwa die Hälfte der befragten Prüfstandshersteller weist auf diese Problematik hin. Beim Thema Kalibrierung hingegen sieht der ASA-Verband die Branche gut aufgestellt: "Wir haben mit unserer Verbandslösung und intensiven Weiterbildungs- und Zertifizierungsangeboten für unsere Mitglieder seit 2017 dafür gesorgt, dass die knappen Kapazitäten im Bereich Kalibrieren deutlich ausgeweitet wurden", so Kallinich ( mehr dazu auf Seite 24).

Schnittstelle muss funktionieren

Was sich aber in der Praxis als echte Herausforderung darstellt, ist die Asanetwork-Livestream-Schnittstelle, die in vielen Fällen nicht so funktioniert, wie sie sollte. Denn selbst wenn alle HU-Werkstätten zum Stichtag 1.1.2020 einen richtlinienkonformen Bremsprüfstand vorweisen können, darf der Prüfingenieur die HU nur durchführen, wenn die Verbindung zur Schnittstelle funktioniert. Der ZDK hat daher gemeinsam mit den Überwachungsorganisationen ein Informationsschreiben erarbeitet ( siehe www.kfzgewerbe.de) und rät allen Werkstätten, die Funktionsfähigkeit der Schnittstelle bei der nächsten Gelegenheit vom zuständigen Prüfingenieur testen zu lassen. "Falls die Schnittstelle nicht funktioniert, sollten sich die Betriebe an ihren Bremsprüfstandshersteller wenden", erklärt Werner Steber, Technikreferent beim ZDK. Auch hier kann es sonst zu Engpässen kommen, wenn im Januar 2020 unvorhergesehene Servicekapazitäten abgerufen werden.

Denn eines steht fest: eine Verlängerung oder Ausnahmeregelung wird es nicht geben: "Sollten die Bremsprüfstände in einzelnen Prüfstützpunkten Anfang 2020 noch nicht vorschriftenkonform sein, dürfen diese Prüfstützpunkte, so lange sie die Anforderungen nicht erfüllen, nicht zur Durchführung der Hauptuntersuchung genutzt werden", so Steber. Der Verband geht davon aus, dass sich die Anzahl der Prüfstützpunkte ab 2020 nicht verringern wird. Der ASA-Verband schätzt, dass es eine gewisse Dunkelziffer von Betrieben geben wird, die künftig auf die HU im eigenen Haus verzichten. Auch Werkstattinhaber Thomas Holzinger hat kurz überlegt, ob sich die Investition wirklich lohnt. Aber die rund zehn HU-Fahrzeuge pro Woche will er schon allein aus Zeitgründen nicht zur nächsten Prüforganisation fahren müssen. Also steht er vor der Qual der Wahl.

Denn der Markt für Bremsprüfstände ist groß. Die meisten Hersteller haben eine ganze Reihe von Prüfständen im Angebot, die sich in ihrer Ausstattung unterscheiden. Zur Orientierung haben wir in der folgenden Tabelle ( siehe Seite 20-21) namhafte Hersteller nach einem Rollenbremsprüfstand befragt, der mindestens folgende Kriterien erfüllt:

- Asanetwork-Livestream-Schnittstelle/ entspricht Richtlinie von 2011 - Rollenlänge von ca. 700 Millimeter

- Bremskraft von ca. 6 kN .Ausfahrhilfe

- Verkabelung von mindestens 12 Meter (außer Twinbusch 10 Meter, aber verlängerbar)

- Analoganzeige (außer Ravaglioli, Twinbusch)

Auch die Features Fernbedienung, Allrad-Funktion und Rollenabdeckung wurden abgefragt. Weitere Merkmale, Informationen sowie optionales Zubehör sind beim jeweiligen Hersteller zu erfragen. Die Wahl des richtigen Prüfstands, ob Rollen- oder Plattenprüfstand, richtet sich dabei nach den Anforderungen der einzelnen Werkstatt. Für die eine ist der Korrosionsschutz besonders wichtig, da der Prüfstand aus Platzgründen im Außenbereich montiert werden soll. Für die nächste ist aufgrund der Stammfahrzeuge die Allrad-Funktion entscheidend. Für die dritte Werkstatt wiederum stellt die Anbindung an das eigene PC-System ein wichtiges Entscheidungskriterium dar. Werkstätten sollten sich daher über ihre individuellen Anforderungen klar werden, um gezielt Angebote einholen zu können.

Kurzfassung

Die Zeit läuft. Noch rund neun Monate, dann ist ein richtlinienkonformer Bremsprüfstand für HU-Werkstätten Pflicht. Wir haben Verbände und Bremsprüfstandshersteller zur aktuellen Marktsituation befragt. Ein Überblick.

Die wichtigsten Anforderungen an Bremsprüfstände

Technische Vorgaben nach der Bremsprüfstandsrichtlinie 2011 ("Richtlinie für die Anwendung, Beschaffenheit und Prüfung von Bremsprüfständen"):- Rollenbremsprüfstände: Rollendurchmesser mind. 200 Millimeter, Prüfgeschwindigkeit mind. 4 km/h, Reibungskoeffizient zwischen Reifen und Rolle: trocken 0,7, nass 0,6, Prüfstandabschaltung bei 27 Prozent Schlupf (+/- 3 Prozent ) zwischen Tast- und Bremsrolle, standardisierte Datenschnittstelle zur Erfassung der Messwerte in Echtzeit- Plattenbremsprüfstände: Plattenlänge mind. 1,50 Meter, Reibbeiwert zwischen Platte und Reifen: trocken 0,7; nass 0,6, für Betriebsbremse Auffahrgeschwindigkeit: ca. 8 bis 12 km/h, Messung bei ca. 5 km/h auf 2 km/h, Messzeit Minimum: 0,4 Sekunden; außerhalb dieser Parameter Prüfung der Feststellbremse und Anhängerbremsen, standardisierte Datenschnittstelle (Asanetwork-Livestream)- Prüfung anhand Bezugsbremskräfteverfahren, das auf Solldaten der Fahrzeughersteller beruhtInfo-Flyer mit allen Vorgaben auf einen Blick unter www.tuev-sued.de/ bremsen-pruefrichtlinie

Autor: Valeska Gehrke

 
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