Samstag, 19.01.2019
Verkehrsblatt IVW
09.01.2019

¬ Zunehmende Vernetzung

Auto-Hacks treiben Branche um

Die Gefahr von Auto-Hacks treibt die Autobranche um.
© Foto: fotogestoeber / Fotolia

Von Thomas Strünkelnberg und Matthias Arnold/dpa

Die Auto-Hacker Charlie Miller und Chris Valasek haben schon vor Jahren in den USA mit einem Stunt die Branche aufgeschreckt. Sie führten vor, wie sie aus der Ferne per Funk einen Jeep gleichsam übernahmen - Klimaanlage und Scheibenwischer spielten verrückt, dann kroch der Wagen nur noch über den Asphalt, weil das Gaspedal nicht mehr funktionierte. Es ist die Horrorvision vieler Menschen, dass andere dazwischenfunken und im schlimmsten Fall bei den zunehmend automatisierten Autos die Kontrolle über Bremsen oder Lenkung übernehmen. Ist das überhaupt denkbar?

"Vernetzung ist das Einfallstor", sagt jedenfalls Polizeikommissar Alexander Rimkus. Der 23-Jährige, im Raum Nordhorn tätig, hat eine Bachelor-Arbeit zu den Sicherheitslücken und deren Manipulationspotenzial vorgelegt. Wer Schaden anrichten will, muss eine Sicherheitslücke in einem System finden. Die eigentlichen Auto-Hacks erforderten hohen Aufwand, Kenntnisse und seien teuer, erklärt Stefan Römmele, Leiter Strategie und Vorentwicklung für Security beim Autozulieferer Continental. Rimkus aber betont, dass es kriminelle Strukturen gebe, die die Komponenten bereitstellen könnten - "cybercrime as a service" ist das Stichwort. Auf deutsch: "Internetkriminalität als Dienstleistung".

Laut Rimkus ist Erpressung die "klassische Masche" von Cyber-Kriminellen. Sicherheitslücken in Software-Systemen ganzer Fahrzeugflotten böten erhebliche Erpressungspotenziale, ergibt seine Untersuchung. Schließlich bedeute die Abhängigkeit von Fahrzeugen einen "großen Hebel". Aber auch terroristische Anschläge auf Fahrzeuge oder Ziele wie Verkehrsleitzentralen seien zu erwarten. Zur Gefahrenabwehr gebe es noch keine Komplettlösungen. Aber denkbar sei, dass künftig eine TÜV-Plakette die Online-Sicherheit autonom fahrender Autos bescheinige.

Bewusstsein für Cybersicherheit hat stark zugenommen

Die Abwehr solcher Angriffe ist ein stetig wachsender Industriezweig. "Wenn ich die letzten Jahre Revue passieren lasse, hat gerade beim Thema Auto das Bewusstsein in Sachen Cybersicherheit deutlich zugenommen", sagt Peter Schiefer, zuständig für die Automotive-Sparte beim Münchner Halbleiterhersteller Infineon. Das Unternehmen liefert Sicherheitstechnik für die zunehmende Elektronik im Auto.

Continental-Experte Römmele macht klar, welches Potenzial dies hat. Die Zahl der vollvernetzten Autos wird stark wachsen, bis 2025 dürfte jeder Neuwagen weltweit einen Internetzugang haben. Vollvernetzt - das bedeutet, dass Autos untereinander und mit der Infrastruktur wie beispielsweise Ampeln kommunizieren können. "Jedes Auto, das in Europa heute neu zugelassen wird, hat automatisch eine Verbindung zum Notfallrufsystem E-Call und damit eine Verbindung zum Netz", sagt auch Schiefer. In fünf Jahren dürften nach seiner Schätzung schon mehr als 100 Millionen vernetzte Autos unterwegs sein.

Potenzielle Einfallstore für Cyber-Kriminelle seien alle Schnittstellen im Auto, über die Daten mit den Steuergeräten ausgetauscht werden, sagt Römmele. Beispiele seien die Diagnoseschnittstelle oder die Steuergeräte für die Wegfahrsperre. In künftigen Autos gehe die Architektur hin zu einer sehr kleinen Zahl leistungsfähiger Steuergeräte. Klar ist aber: «Jedes einzelne Gerät muss sicher sein.» Und zwar für die gesamte Lebensdauer des Autos.

VW nimmt das Thema "sehr ernst"

Zum Horror-Szenario einer lahmgelegten kompletten Flotte sagt Römmele: "Wir ergreifen Maßnahmen", dass dieses Szenario niemals eintrete. Für den Autogiganten Volkswagen ist dies ein immerwährender Wettlauf: Rolf Zöller, Leiter Elektrik- und Elektronikentwicklung bei der Kernmarke VW, spricht von "absolut angemessenen Gegenmaßnahmen auf höchstem technischen Niveau". VW nehme das Thema "extrem ernst". Er räumt aber ein, das Risiko wachse schon wegen der Angriffsfläche, also der hohen Zahl künftiger vollvernetzter Autos. Schon 2016 hatte Volkswagen zusammen mit Experten aus Israel daher ein Unternehmen für Cyber-Sicherheit gegründet.

Hersteller und Zulieferer müssen auch die Langlebigkeit ihrer Fahrzeuge und der verbauten Technik bedenken. "Die Fähigkeit der Angreifer in fünf Jahren wird sich von der heute deutlich unterscheiden", sagt Thomas Rosteck, Leiter der Sicherheitssparte bei Infineon. "Darum sollte ich mir schon vorher überlegt haben, wie ich darauf reagieren kann, wie ich also die Sicherheit im Feld anpassen kann." Die im Auto verbaute Sicherheitstechnik müsse auch den Angriffen in der Zukunft standhalten.

Schwachstellen bei Cloud-Technologie

Vor allem in der Cloud-Technologie würden immer mehr Schwachstellen gefunden, schätzt das IT-Sicherheitsunternehmen Trend Micro. Dessen Experten gehen davon aus, dass Angreifer neue Technologien wie künstliche Intelligenz einsetzen. Continental-Experte Römmele betont, dass das Sicherheits-Level der Kommunikation mit der Cloud so hoch sei wie beim Online-Banking. Alle Funktionen im Auto würden kontinuierlich überwacht.

Zudem setzt er auf drahtlose Sicherheits-Updates in schneller Folge - ohnehin sei die Lebensdauer der Software-Schlüssel so kurz gewählt, dass sie in der Zeit nicht gebrochen werden könnten. Und jedes Fahrzeug verfüge über eigene digitale Schlüssel. Sollte ein automatisiertes Fahrzeug von außen missbraucht werden, würde das System dies erkennen, Alarm schlagen und möglicherweise bestimmte Funktionen deaktivieren, betont er. Römmele spricht von einer "Riesenaufgabe". Eine Attacke wie bei dem Jeep 2015 jedoch sei mit dem Einsatz moderner Sicherheitsmechanismen heute nicht mehr möglich.

Aus Sicht von Polizeikommissar Rimkus sind aber auch die Sicherheitsbehörden gefragt: diese müssten die eigene Einsatzbereitschaft verteidigen und Präventionsmethoden entwickeln - und vor allem digitale Manipulationen erst einmal erkennen lernen. Dennoch sei nicht davon auszugehen, dass jedes autonom fahrende Auto automatisch ein einziges Sicherheitsrisiko sei, beruhigt er.

 
 

Copyright © 1999 - 2019 by AUTO SERVICE PRAXIS Online (Foto: fotogestoeber / Fotolia )

 


 
Zurück Artikel drucken Kommentar abgeben Heft-Abo
 
 
 

Kommentar verfassen

Schon gelesen? Die Top-Nachrichten

18.01.2019

¬ Messe-Video

Autozum 2019

Auf zur Autozum Salzburg

Ein Besuch auf der diesjährigen Messe Autozum 2019 lohnt sich - wie unser Video unter Beweis stellt. ¬ mehr

Bilder 18.01.2019

¬ DAT-Report

Reichweite E-Autos

Reichweite bei E-Autos größter Kauf-Hinderungsgrund

Immerhin rund ein Viertel der Neuwagenkäufer haben sich 2018 zumindest theoretisch mit dem Erwerb eines Elektroautos beschäftigt. Der Grund, der viele vom Kauf abhielt, hat sich gegenüber dem Vorjahr verändert. ¬ mehr

Tempolimit 130 Autobahn

Regierungskommission spricht über Tempolimit

Der Verkehrsbereich muss wesentlich mehr tun, um Klimaziele zu erreichen. Eine Regierungskommission arbeitet an Vorschlägen. Es könnten grundlegende Reformpläne auf den Tisch kommen. Es ist aber noch nichts entschieden. ¬ mehr

zum 7-Tage Rückblick

Frage der Woche


Beliebteste Inhalte

  • 14.01.2019 | BMW-Hardware-Nachrüstung

    Mit Originalteilen möglich

    Marcus Zipper meint: Zur Zeit fahre ich einen E91 320D mit Euro 5. Bei dieser Verarscherei die BMW mit den Kunden macht -...mehr

  • 11.01.2019 | Petition gegen Dieselfahrverbote

    Aktuell über 24.000 Stimmen

    Christian Rempfer meint: Hier geht es nicht um den Umweltschutz, sonst würde man bei Flugzeugen und Schiffen genauer hin seh...mehr

  • 09.01.2019 | BMW-Hardware-Nachrüstung

    Mit Originalteilen möglich

    Max Mustermann meint: Als betroffener fällt man bei so einer Enthüllung vom Hocker.BMW gibt für ein knapp 30Tsd Euro Au...mehr

Newsletter

Immer gut informiert.

Der asp Newsletter informiert Sie werktäglich über die aktuellen Branchen-Geschehnisse. So erfahren Sie alle relevanten Infos. Jetzt kostenlos bestellen und immer top informiert sein!

Betriebssicherheit

Mitarbeiteranweisungen

Mitarbeiteranweisungen

Schnell vermitteltes Wissen zu wesentlichen Gefahrenquellen in der Werkstatt. ¬ mehr

Werkstattkatalog

asp_wki_box_60x60

Alles für die Werkstatt!

Einmalig umfangreicher
Überblick zum Angebot der Werkstattausrüster.

¬ Zum Werkstattkatalog

Springer Automotive Shop

Rechtssicher im Werkstattalltag!

Die Neuauflage von "Rechtsfragen der Kfz-Werkstatt" zeigt, wie Sie Ihre Werkstattabläufe rechtssicher gestalten und im Streitfall selbstbewusst auftreten – und das ganz ohne Anwalt! ¬ Jetzt bestellen!