Kostengünstige Entlastung
Teilzeitkräfte sind ein unterschätztes Mittel gegen Personalengpässe in der Werkstatt – selbst wenn sie keine Wartungs- und Reparaturarbeiten ausführen. Doch es gibt noch andere Stellschrauben, um den Fachkräftemangel zu mildern.
Mini-Jobber, die Werkstattarbeiten erledigen? Davon hält Kfz-Meister Stefan Vorbeck wenig bis gar nichts: „Erstens gibt es kaum Kfz-Mechatroniker oder -Meister, die an einer Teilzeitstelle interessiert sind“, so der Gründer und Geschäftsführer der gleichnamigen freien Kfz-Werkstatt in Wentorf bei Hamburg. „Zweitens wäre das in Bezug auf die Werkstattorganisation auch kaum machbar.“ Denn Vorbeck achtet strikt darauf, sämtliche Prozesse so straff wie möglich zu organisieren und die Werkstattmitarbeiter optimal auszulasten. Ein Leistungsgrad von 80 Prozent bildet für ihn das Minimum, um profitabel zu wirtschaften. Mitarbeiter, die nur tage- oder stundenweise in der Werkstatt stehen, würden die Abläufe zu sehr durcheinanderwirbeln. Dennoch beschäftigt Auto-Vorbeck neben den rund 50 festangestellten Mitarbeitern regelmäßig zwischen zehn und zwölf 400-Euro-Kräfte. Sie übernehmen unter anderem Fahrertätigkeiten und holen Fahrzeuge zur Reparatur beim Kunden ab, besorgen Teile beim Vertragshandel und fahren die Kundenfahrzeuge abends in die Halle. Sie erledigen Wagenwäschen und fangen die Spitzenbelastungen beim Räder- und Reifengeschäft auf. Darüber hinaus wird die Werkstatt nicht von den Auszubildenden oder gar den Mechatronikern gereinigt, sondern ebenfalls von Teilzeitkräften. „Bei Ar- beitsschluss können unsere Mechatroniker den Schraubenschlüssel aus der Hand legen und nach Hause gehen“, sagt Vorbeck. „Für die Rei-nigungsarbeiten muss ich schließlich nicht hoch qualifizierte Leute einsetzen.“ Und auch ein Azubi sei nach eineinhalb bis zwei Jahren Ausbildungszeit fit genug, um Werkstattarbeit zu erledigen anstatt zu fegen. Im Büro kümmern sich Teilzeitkräfte um das Telefonmarketing und erinnern Kunden an fällige Hauptuntersuchungen oder fragen nach dem Werkstattbesuch ab, wie zufrieden sie mit dem Service bei Auto-Vorbeck waren. „Das funktioniert op- timal“, so der Kfz-Meister. „Hier setzen wir überwiegend Damen ein, die nach einer Kinderpause wieder zurück in den Arbeitsprozess wollen.“ Selbst bei der Fahrzeugannahme verlässt sich Stefan Vorbeck auf weiblichen Charme und Teilzeitkräfte, die bei fachlichen Fragen von den Experten im Reparaturleitstand unterstützt werden. „Die Kunden freundlich begrüßen, einen Reparaturauftrag eröffnen und die Fahrzeugschlüssel entgegennehmen, das können die stundenweise beschäftigten Damen genauso gut wie ein Kfz-Mechatroniker“, sagt Vorbeck.
Rüstige Frührentner
Wichtig sind ihm sowohl bei der Stammbelegschaft als auch bei den Aushilfen gute Umgangsformen, Kundenorientierung und gegenseitige Wertschätzung. „Wir haben einen festen Stamm an 400-Euro-Kräften, die wir auch richtig einarbeiten“, erklärt der Unternehmer. Bei den Fahrertätigkeiten und im Reifengeschäft arbeitet Auto-Vorbeck am liebsten mit rüstigen Frührentnern. Aber auch junge Leute, die sich nach der Schule noch orientieren wollen, bekommen bei ihm eine Chance – und bei gegenseitiger Akzeptanz auch einen Ausbildungsplatz zum Servicemechaniker. „Gut geeignete Auszubildende für die Werkstatt zu finden, ist mittlerweile auch in unserer Region schwierig“, berichtet Stefan Vorbeck. Bei ausgelernten Kfz-Mechatronikern gebe es derzeit allerdings noch keine Engpässe auf dem Arbeitsmarkt. Daher nutzt Auto-Vorbeck die Teilzeitkräfte vor allem, um Personalkosten zu sparen. Denn eine Mechatronikerstunde ist unterm Strich deutlich teurer als der Stundenlohn eines Mini-Jobbers (siehe Kasten „Knifflige Punkte“). Um die Teilzeitkräfte jedoch wirklich sinnvoll einzusetzen, sind laut Stefan Vorbeck gut strukturierte Prozesse und klare Anweisungen entscheidend. Dass die Einweisung und Einar-beitung von Teilzeitkräften durchaus Zeit in Anspruch nimmt, betont auch Roger Seidl, Betriebsberater beim Hessischen Landesverband des Kfz-Gewerbes. „Aber auf mittlere Sicht ist das eine gute Möglichkeit, die Stammbelegschaft zu entlasten – und hilft auch bei Personalengpässen.“ Für die eigentliche Werkstattarbeit brauche ein Kfz-Betrieb jedoch qualifiziertes Personal – selbst wenn es zumindest gesetzlich grundsätzlich nicht untersagt ist, dass auch Nicht-Fachleute Arbeiten an Fahrzeugen durchführen. „In diesen Fällen gilt das Prinzip der Meisterverantwortung“, führt René Goletz, technischer Berater im hessischen Kfz-Verband, aus: Der Meister haftet dafür, dass die Arbeiten am Fahrzeug sach- und fachgerecht ausgeführt werden. „Lediglich für hoheitliche Aufgaben sind eine abgeschlossene Ausbildung im Kfz-Bereich plus die entsprechenden Schulungen vorgeschrieben.“ Zu diesen hoheitlichen Aufgaben zählen unter anderem Abgasuntersuchungen, Einbau und Prüfung von Gas- oder Klimaanlagen in Fahrzeugen, die Sicherheitsprüfungen an Nutzfahrzeugen sowie Arbeiten an Hybrid- und Hochvoltfahrzeugen, sprich Elektroautos. „Demnach ist es durchaus möglich, dass ein Berufsfremder den Mechatronikern in der Werkstatt zuarbeitet oder mechanische Instandsetzungsarbeiten übernimmt“, so Goletz. „Fraglich ist nur, ob dadurch die Werkstattarbeiten tatsächlich so rationell wie möglich gestaltet werden können.“ Betriebsberater Seidl gibt zu bedenken, dass gerade die einfacheren Arbeiten wie Ölwechsel, das Auswechseln von Bremsscheiben und -Belägen oder Schweißarbeiten an Auspuff-anlagen mittlerweile von Ketten wie ATU abgegrast werden. „Für den klassischen freien Werkstattbetrieb gewinnt daher das Thema Elektronik laufend an Bedeutung“, so Seidl. „Mittlerweile lassen sich bei den meisten Fahrzeugen ohne Eingriff ins Diagnosesystem ja nicht einmal mehr die Bremsen instand setzen.“
Bessere Einsatzmöglichkeiten für Mini-Jobber sieht auch Roger Seidl bei all den Aufgaben jenseits der Arbeiten am Fahrzeug. Darüber hinaus sei der Einsatz im Büro sinnvoll, um Kfz-Meister von Routinetätigkeiten wie Ablage, Buchhaltung, Mahnwesen und Rechnungsschreiben zu entlasten. Auch bei der Serviceassistenz kön-nen Teilzeitkräfte zum Einsatz kommen – sofern die Werkstatt keine Direktannahme unterhält. „Allerdings ist dann die Gefahr groß, dass der persönliche Kontakt zwischen Werkstattinhaber und Kunden leidet, der ja gerade eine Stärke der kleinen Werkstätten ist“, gibt Seidl zu bedenken. Wenn die Mitarbeiter unter zu hoher Arbeitsbelastung ächzen und der Arbeitsmarkt für qualifizierte Kfz-Mechatroniker leer gefegt ist, können fachfremde Teilzeitkräfte also durchaus einen Beitrag leisten, die Stammbelegschaft zu entlasten – und zwar am besten bevor der physische und psychische Druck durch zu viel Arbeit überhand- nimmt. Denn das geht nicht nur zu Lasten der Qualität, sondern macht auch krank. Und Arbeitsausfälle wegen Krankheit verschärfen wiederum den Stress für den Rest der Belegschaft. Ein Teufelskreis, der vermieden werden kann.
Zeitkonten steigern Produktivität
Eine durchaus wirkungsvolle Stellschraube gegen Überlastung des Werkstattteams bildet laut Seidl die Flexibilisierung der Arbeitszeiten. Starre Einheitsarbeitszeiten aufzulösen und mit Monats- oder Jahresarbeitszeitkonten zu arbeiten, kann die Produktivität des Werkstattteams deutlich steigern. Für den Werkstattinhaber ist dies allerdings mit einem höheren Verwaltungsaufwand rund um Stundenabrechnungen und der Einteilung der Anwesenheitszeiten verbunden. „Nicht nur in diesem Zusammenhang sollte ein Werkstattinhaber darüber nachdenken, wie er seine Betriebsabläufe effizienter gestalten kann. Oft können schon kleine Änderungen viel bewirken“, weiß der Betriebsberater aus Erfahrung.
Darüber hinaus empfiehlt er allen Werkstattinhabern, in deren Region Fachkräftemangel herrscht oder droht, das klassische Mittel der Nachwuchsförderung durch Ausbildung zu wählen. „Das hilft natürlich nicht von heute auf morgen. Doch zumindest mittelfristig kann sich eine Werkstatt damit vor Personalengpässen schützen.“ Eva Elisabeth Ernst
Minijobs
Knifflige Punkte
Minijobs bieten eine günstige Möglichkeit, die Personaldecke der Werkstatt zu stärken. Einige knifflige Punkte werden von Unternehmen dabei aber häufig übersehen. Bei uns im Internet finden Sie eine kurze Übersicht zu den wichtigsten Punkten, die es bei dieser Beschäftigungsform zu beachten gibt.
www. autoservicepraxis.de/minijobs