Fast so gut wie neu

Die Wiederaufbereitung von Autoteilen boomt. Bremssättel und Lichtmaschinen sind der Klassiker, aber es werden auch zunehmend elektronische Teile überholt, beispielsweise in Lenksäulen.


Datum:
25.06.2020
Autor:
Alexander Junk

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Kurzfassung

Die Wiederaufbereitung von Autoteilen ist in den letzten Jahren durch das zunehmende Umweltbewusstsein und die Preissensibilität der Autofahrer stark angewachsen. Dennoch lässt sich nicht jedes Teil wiederaufbereiten.

Auch in der Automobilbranche nimmt das Thema Nachhaltigkeit einen immer größeren Stellenwert ein. So hat das Online-Handelsportal Ebay Motors Ende letzten Jahres das "Autoteile Refurb Center" gestartet, eine Art Anlaufstelle für wiederaufbereitete Teile. Laut der Auktionsplattform ist der Markt generalüberholter Autoteile seit 2014 um über 90 Prozent gewachsen. Inzwischen machen wiederaufbereitete Autoteile einen Anteil von rund 20 Prozent bei Ebay aus; das Angebot umfasst inzwischen 250.000 Ersatzteile und Zubehör von 21 Automarken, darunter auch OE-Hersteller. Die Zahlen werden auch von einer Studie des VDI-Zentrums Ressourceneffizienz bestätigt: In Deutschland wird jährlich ein Umsatz von rund 8,7 Milliarden Euro in der Remanufacturing-Branche erzeugt. Den größten Anteil davon mit 44 Prozent erzielt die Luftfahrt, gefolgt von der Automobilbranche mit einem Umsatzanteil von 27 Prozent.

Hervorragende Umweltbilanz

Während die Wiederaufbereitung beispielsweise in Dänemark oder Frankreich schon seit längerer Zeit üblich ist, ist der Markt in Deutschland erst in den letzten Jahren richtig durchgestartet. Im Jahr 2009 lieferte der dänische Wiederaufbereiter Borg Automotive noch 500.000 wiederaufgearbeitete Ersatzteile in Europa aus. Im Jahr 2012 knackte das Unternehmen die Millionen-Grenze. Und im Jahr 2018 verschickte es erstmals mehr als zwei Millionen Ersatzteile, Tendenz weiter steigend.

Die Vorteile der Wiederaufbereitung sind unbestritten: Es spart dem Kunden nicht nur Geld in der Werkstatt, sondern ermöglicht dem Handel auch größere Margen ( siehe Interview rechts mit Lars Hähnlein von Borg Automotive). Gerade preisbewusste Kunden proftieren von wiederaufbereiteten Teilen, schließlich sind diese 25 bis 30 Prozent günstiger als Neuteile. Ein Blick ins Sortiment von wiederaufbereiteten Teilen lohnt sich zudem besonders für Besitzer von Young- und Oldtimern. Denn ab einem gewissen Alter der Fahrzeuge stellen die Autohersteller die Produktion der Ersatzteile ein, da es sich nicht mehr lohnt. Bestimmte Ersatzteile für Young- oder Oldtimer sind dann nicht mehr als Neuteil zu bekommen, wiederaufbereitet aber schon. Auch in puncto Nachhaltigkeit können wiederaufbereitete Teile punkten. Laut Lars Hähnlein von Borg Automotive fallen bei der Wiederaufbereitung gerade einmal die Hälfte der CO2 -Emissionen als bei einem Neuteil an, zudem werden 80 Prozent der Rohstoffe gespart. Die Automotive Parts Remanufacturer Association (APRA), eine Interessenvertretung der Remanufacturer im Automobilsektor, schätzt sogar, dass Remanufacturing in jedem Jahr Millionen Tonnen Rohmaterialien wie Eisen, Aluminium und Kupfer einspart.

Wiederaufbereiten lassen sich dabei besonders gut Teile, die über eine großes Gehäuse verfügen. Bremssättel und Lichtmaschinen sind beispielsweise die Klassiker der Wiederaufbereitung, da hier ein großer Gehäuseanteil vorhanden ist. Es werden aber auch immer mehr elektronische Komponenten wiederaufbereitet, beispielsweise in AGR-Ventilen oder Positionssensoren in Lenkgetrieben. Borg Automotive hat deshalb vor zwei Jahren das "Borg Mechatronics Forum" gegründet. Das Unternehmen arbeitet dort mit Universitäten zusammen, um Know-how im Bereich Mechatronik zu schaffen - und zukunftsfähig für die neue Generation an Fahrzeugen zu sein, die immer mehr rollenden Computern gleichen. Auch Elektroautos stellen das Unternehmen vor Herausforderungen, da hier immer mehr elektronische Teile zum Einsatz kommen.

Teile aus dem 3-D-Drucker

Im Gegensatz zur Reparatur ist die Wiederaufbereitung, auch "Remanufacturing" genannt, bei Borg Automotive ein industrieller Prozess, der viel Handarbeit und daher Fachkräfte verlangt. So müssen die Gehäuse von Anlassern und Lichtmaschinen beispielswiese von Hand auseinandergeschraubt werden, bevor sie zunächst gereinigt und auf Beschädigungen überprüft werden. Dann werden Verschleißteile wie Dichtungen und Lager durch Austauschteile namhafter Hersteller ersetzt. Was sich nicht mehr aufbereiten lässt, wird ebenfalls ausgetauscht. Manchmal werden sogar Teilekomponenten auf dem 3-D-Drucker produziert. Schließlich wird jedes Produkt wieder zusammengebaut und abschließend nach Herstellervorgaben getestet - an Prüfständen, wie sie auch die Autohersteller verwenden. Insgesamt kann der dänische Wiederaufbereiter so 98 Prozent Fahrzeugabdeckung bei Anlassern und Lichtmaschinen erreichen, bei Bremssätteln sind es immerhin noch 95 Prozent. Lenkgetriebe sind für neun von zehn und Lenkungspumpen für sieben von zehn Fahrzeugen erhältlich.

Generell gilt bei der Wiederaufbereitung: Je komplexer ein Teil ist und je mehr Elektronik in ihm steckt, desto schwieriger ist die Wiederaufbereiung und desto geringer ist die Abdeckung. Ein gutes Beispiel sind Turbolader: Die hat Borg Automotive nicht im Programm und überlässt das Feld BorgWarner, die sowohl neue Turbolader produzieren als auch mit den sogenannten Reman-Turboladern wiederaufbereitete Turbolader verkaufen.

Lars Hähnlein Country Manager Deutschland bei Borg Automotive

asp: Herr Hähnlein, wie entwickelt sich der Markt für wiederaufbereitete Teile?L. Hähnlein: Die Nachfrage ist stark gewachsen. Vor wenigen Jahren noch haben wir eine Million Teile pro Jahr produziert, inzwischen sind wir bei rund zwei Millionen Teilen. Auch der Handel setzt zunehmend auf Austauschteile, wenn es um die Bestückung der Eigenmarken geht.asp: Was sind die Vorteile von wiederaufbereiteten Teilen?L. Hähnlein: Natürlich variiert die Qualität von Wiederaufarbeiter zu Wiederaufarbeiter. Doch wenn man den richtigen Remanufacturer wählt, kann man mit wiederaufbereiteten Teilen eine Qualität erhalten, die selbst nach OE-Maßstäben als sehr gut zu beurteilen ist - und das zu einem fairen Preis.asp: asp: Was können Kunden bei Reman-Teilen sparen?L. Hähnlein: Das ist schwer zu sagen, aber das Potenzial dürfte bei 25 bis 30 Prozent liegen. Das hängt aber letztlich davon ab, was die Werkstatt berechnet. Und im Regelfall wird der Handel ebenfalls von der besseren Marge des Ersatzteils profitieren wollen.asp: Woher bekommen Sie die Teile zur Aufbereitung?L. Hähnlein: Wir bereiten ausschließlich OE-Teile auf, weil nur sie unseren hohen Standards entsprechen. Gemeinsam mit unseren Handelspartnern haben wir ein Pfandsystem eingeführt, das für die Werkstatt kaum Aufwand darstellt. Wenn sie eines unserer Teile bestellt, legt sie das ausgebaute Teil einfach in den leeren Karton. Der Händler nimmt es dann bei der nächsten Auslieferung wieder mit und schreibt das Pfand gut. Die Höhe des Pfands variiert je nach Produktgruppe und Artikel.asp: Welche Teile lassen sich aufbereiten?L. Hähnlein: Ersatzteile, die einen hohen Gehäuseanteil haben, sind besonders gut geeignet. Wie unsere Bremssättel, Anlasser und Lichtmaschinen beispielsweise. Doch selbst Produkte, die komplizierter in der Aufbereitung sind, etwa Klimakompressoren, Lenkgetriebe und Lenksäulen, lassen sich unserer Erfahrung nach sehr gut aufarbeiten, sofern man über das notwendige Know-how verfügt. Das gilt auch für AGR-Ventile, unsere jüngste Produktgruppe. Aber: Natürlich müssen sich alle Teile bzw. Gehäuse in einem aufbereitungsfähigen Zustand befinden, dürfen also beispielsweise weder verbrannt noch beschädigt sein.

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