Schwarmintelligenz

18.06.2010 12:02 Uhr

Client-Server-Technologie

Das Unternehmen Autoaid entwickelt eine selbstlernende Diagnoselösung. Der Clou: Das System wertet die Arbeiten der angeschlossenen Betriebe permanent aus und sich damit selbst auf.

Für die Autoaid GmbH ist es ein vollständig neues Territorium. Seit vergangenem Jahr wagen sich die Berliner an die Entwicklung einer Fahrzeugdiagnose. Bislang war das Unternehmen als Anbieter eines Bewertungsportals bekannt, bei dem Werkstattkunden die Leistung von Betrieben analysieren können (vgl. Kasten S. 34, asp 6/2008 und 10/2009). Auf der Suche nach neuen Märkten und im Vertrauen auf einen konkurrenzfähigen Systemansatz läuft gegenwärtig die Testphase der Diagnoselösung.

„Unsere Idee ist ein selbst-lernendes, auf Client-Server-Technologie basierendes Diagnosesystem“, erklärte Geschäftsführer Moritz Funk. Das Besondere an der Autoaid-Lösung sind nach Wahrscheinlichkeit gestaffelte Fehlerursachen und -lösungen. Den Zusammenhang zwischen Mängelbild und -grundlage errechnen die Autoaid-Informatiker u.a. aus den Angaben angeschlossener Betriebe. Partner, die das System bereits nutzen, stellen eine wichtige Datenquelle dar. Man muss sich diese Vorgehensweise als das Anzapfen kollektiver Intelligenz vorstellen. „Das Wissen ist da draußen“, erklärt Funk, „und je mehr Servicebetriebe unser System im Einsatz haben, desto genauer wird es.“ Doch nicht nur bei der Ursachenforschung, auch bei der Reparatur kann dieses Prinzip hilfreich sein, sind sich die Berliner sicher. Wie bei anderen Diagnosegeräte-Herstellern auch, enthält ihr System Reparaturinformationen und Wartungsdokumente. Bei entsprechender Datengrundlage werden auch diese Materialien in Abhängigkeit der bisherigen Nutzungsdauer der Werkstattpartner geordnet. Das System soll Vorschläge liefern, die darauf basieren, welche Dokumente andere Kfz-Spezialisten beim gleichen Fehlerbild und Fahrzeug wie lange studiert haben.

Die Voraussetzungen der Autoaid-Lösung umfassen einen Internetzugang, eine Schnittstelle zum Fahrzeug – das so genannte Interface – sowie die Client-Server-Software. Letztere muss man sich als ein arbeitsteiliges Computernetzwerk vorstellen. Ein System, in dem Autoaid die Servertechnologie und somit das Diagnoseprogramm für die Nutzer (Clients) stellt. Eine weitere Vereinfachung liegt in der Autovervollständigung. Der Kfz-Techniker profitiert davon, wenn er Symptome ins System eingibt. Tippt er beispielsweise „Motor stottert“ ein, so bekommt er durch das Kontextempfinden des Programms bereits nach der Eingabe weniger Buchstaben Vorschläge – erneut gestaffelt nach der Häufigkeit beim jeweiligen Modell. Hat sich der Diagnosetechniker für ein Fehlerbild entschieden und gibt den Diagnosebefehl, so liefert der Autoaid-Server in Berlin potenzielle Fehlerquellen. Die geführte Suche und Behebung findet sich zwar bei vielen Anbietern, revolutionär dürfte jedoch die Feedback-Funktion sein. Denn nach einer erfolgreichen Reparatur kann die Werkstatt Ursachenvorschlag und Problemlösung beispielsweise bestätigen und damit die Autoaid-Datenbank füttern. „Das Prinzip ist einfach“, erklärte Funk, „alle Anbieter von Diagnosesystemen sind an diesen Daten interessiert und sammeln sie im Dialog mit den Betrieben, z.B. durch Telefon-Hotline oder Werkstattbesuch.“ Doch mit dem Internet lasse sich dieser Prozess um ein Vielfaches effektiver gestalten, ergänzt er.

Die Herausforderung für den Diagnose-Neuling wird es nun sein, möglichst viele Servicebetriebe davon zu überzeugen, ihrem Diagnosegerätepark noch ein weiteres System zuzufügen und darüber hinaus zur Datenlieferung zu bewegen. Vorgesehen ist ein Mietmodell mit Freidiagnosen für Lieferanten. Schließlich benötigt das Unternehmen nicht nur die Bestätigung eines vorgeschlagenen Lösungswegs, sondern auch Informationen zu neuen Reparaturmethoden. Das System wächst auch dadurch, dass die Kunden alternative Lösungswege eingeben. Zudem muss das Unternehmen für eine ausreichende Marktabdeckung herstellerseitiger Reparaturdaten sorgen. Aktuell gelinge diese Abdeckung bei voller Diagnosetiefe für Fabrikate aus dem VW-Konzern, Ford sowie Opel. Bis Jahresende möchte man bei 22 Marken liegen. Autoaid arbeitet auf diesem Gebiet mit einem Partner zusammen, über den Daten bezogen werden.

Die in einer Netzwerkumgebung dazulernende Software kommt in Zeiten steigender Komplexität der Fahrzeuge überaus gelegen. Heute sind aufgrund der Elektronifizierung unlogische Fehlerverknüpfungen an der Tagesordnung. Auch erfahrene Kfz-Mechatroniker sind beispielsweise ratlos, wenn das Kundenfahrzeug beim Rechtsblinken nicht mehr beschleunigt. Bei diesen und ähnlichen Fehlern, denen etwa ein Masseproblem zugrunde liegen kann, sind Netzwerke, die umfangreiches Wissen schnell zu verknüpfen in der Lage sind, ein möglicher Ausweg.

Kosten im Zaum halten

Bei der Entwicklung steht Autoaid nicht allein, sondern kooperiert mit dem Lehrstuhl für künstliche Intelligenz der Freien Universität (FU) Berlin. Einerseits eine Möglichkeit frisches Forschungswissen zu generieren und auf der anderen Seite behält man durch geschickte Zusammenarbeit die Kosten unter Kontrolle. Um in den Markt zu kommen, darf das System schließlich nicht zu kostspielig sein. Autoaid plant mit einem Bezahlmodell, wonach Betriebe das System für 50 Euro im Monat bei 24-monatiger Laufzeit mieten. Soft- und Hardware sollen inbegriffen sein, ebenso wie 50 Diagnosen (eine Flatrate soll 100 Euro kosten).

Ein Bild von der Autoaid-Lösung können sich Interessierte übrigens auf der Automechanika im September in Frankfurt machen. Die Berliner stellen ihr neues Diagnosesystem auf dem Stand des EDV-Spezialisten Werbas aus (Halle 9.1/ Stand E32). Martin Schachtner

Autoaid.de

Bewertungen online

Autoaid startete im April 2007 mit einem Portal für Werkstattsuche und -bewertung. Im Kielwasser von Plattformen zum Austausch für Endverbraucher (qype.com oder ciao.de) gründeten die Berliner ein spezielle auf die Kfz-Branche zugeschnittenes Angebot. Nutzer können sich nach Eingabe ihrer Postleitzahl nahe Servicebetriebe auflisten lassen. Als Entscheidungsgrundlage dienen die Beurteilungen Anderer. Die Bewertung erfolgt mittels Vergabe von Sternen und in einem Freitextfeld. Eigenen Angaben zufolge hat das Portal täglich 7.000 Visits. Auf autoaid.de finden sich 3.000 registrierte Werkstätten, die sich insgesamt rund 4.000 Bewertungen teilen. Bei der Generierung von Testnutzern für das neu entwickelte Diagnosesystem dürften diese Kontakte eine Rolle gespielt haben. Und beim kostenlosen Probe-Roll-out, der für Herbst 2010 angekündigt ist sowie beim Start der kostenpflichtigen Version im nächsten Jahr sind diese Adressen aus Vertriebsgesichtspunkten Gold wert.

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