A310 Vision nennt Alpine das Einzelstück, das gerade auf dem Pariser Autosalon (bis 18. Oktober) seine Premiere feiert. Die A310 Vision will kein Retro-Auto sein. Sie kopiert weder Heckscheibenlamellen noch trägt keine historischen Chromzitate vor sich her. Stattdessen stellt man sich bei Alpine der Herausforderung herauszufinden, was aus einer A310 geworden wäre, wenn ihre Entwicklung 1985 geendet hätte, sondern bis heute einfach weitergelaufen wäre.
Das Ergebnis ist 4,55 Meter lang, aber gerade einmal 1,18 Meter hoch. Vor allem von hinten wirkt die Studie mit maximal 2,03 Metern Breite geradezu absurd satt auf der Straße. Ein Sportwagen wie ein gespanntes Gummiband. Kein Gramm optisches Fett, kein SUV-Zugeständnis, keine hochgezogene Gürtellinie.
Einfach und radikal zugleich
Man muss die originale A310 daneben nicht einmal sehen, um zu verstehen, woher das kommt. Doch im Alpine-Designstudio stand während der Entwicklung tatsächlich ein historisches Exemplar mitten im Raum. Die Designer zeichneten von Hand, studierten Flächen und Proportionen und versuchten, jene eigentümliche Mischung aus Einfachheit und Radikalität zu entschlüsseln, die das Original auszeichnete.
Als sie 1971 erschien, sollte sie die Geschichte der zierlichen A110 Berlinette fortschreiben – und gleichzeitig erwachsener werden. Die frühen Vierzylinder wirkten fast filigran, die späteren V6 mit ihren ausgestellten Kotflügeln deutlich muskulöser. Alpine greift bei der Vision beide Charaktere auf: die Reinheit des frühen Autos und die breiten Schultern der späteren Versionen.
Alpine A310 Vision
Dabei entsteht kein Remake, sondern ein ziemlich eigenständiges Objekt. Die Karosserie wirkt wie aus Aluminium herausgeschnitten, darunter liegt ein schwarzer, organisch modellierter Bereich, dessen Formen aus der Formel 1 stammen sollen. Über all dem spannt sich die halbtransparente Kanzel. Die Räder tragen ein stilisiertes "A" und erinnern mit ihrer Dreiecksgeometrie entfernt an die geschlossenen Metallräder früher A310.
Den Charakter jedoch formen Front und Heck. Vorn sitzen die Scheinwerfer nicht einfach in einer schwarzen Blende. Sie sind in einen Knick der Karosserie integriert und sollen beim Start mit einem sogenannten "Pop-down"-Effekt zum Vorschein kommen. Die Haube wird von einem tiefen S-Kanal durchzogen. Durch die Mitte des Autos läuft eine von Alpine "Y zero" genannte scharfe Linie oder Blade (Klinge), wie es im Design-Deutsch heißt, die den Blick nach hinten zieht.
Der Heckflügel ist geteilt und teilweise transparent, als hätte jemand Eisplatten über das Heck gelegt – eine bewusste Anspielung auf Berge und die alpine Herkunft der Marke. Selbst die messerscharfen Rückleuchten sollen nicht nur leuchten, sondern aerodynamisch arbeiten und Abtrieb erzeugen. Das klingt nach Concept-Car-Folklore. Doch hinter der Form steckt eine technische Botschaft.
Die A310 Vision basiert auf der neuen APP, der Alpine Performance Platform. Sie soll den Designern jene Freiheit zurückgeben, die moderne Plattformarchitekturen häufig wegoptimieren: niedrige Dachlinien, ungewöhnliche Proportionen, kurze Überhänge und vor allem Sportwagen, die nicht aussehen müssen wie Derivate irgendeines Volumenmodells.
Nur eine Fingerübung?
Alpine betont ausdrücklich, dass man keinen kommenden Serienwagen ankündige. Doch Concept Cars erfüllen selten nur den Zweck, hübsch unter Messescheinwerfern zu stehen. Sie testen Reaktionen. Sie zeigen Formen, Proportionen und Ideen, die später in weniger radikaler Form wieder auftauchen können.
Auch der Innenraum bleibt deshalb eher Versprechen als fertiges Cockpit. Durch die transparente Kanzel erkennt man organisch geformte Sitze, kräftige Farbblöcke und physische Bedienelemente, deren Gestaltung an hochwertige Hi-Fi-Geräte erinnert. Während halb Europa seine Armaturenbretter in Touchscreens verwandelt, zeigt Alpine Knöpfe.
Die alte A310 wollte einst beweisen, dass Alpine mehr konnte als die A110. Die neue A310 Vision braucht noch nichts zu beweisen. Sie kann zeigen, was möglich wäre, wenn Designer für einen Moment nicht an Kofferraumliter, Kopfstützenhöhe und Produktionskosten denken müssten. Gebaut wird sie so nicht. Schade eigentlich.