Mittwoch, 21.02.2018
Verkehrsblatt IVW
12.02.2018

¬ Elektromobilität

Stahl statt Carbon

BMW i3

Carbon-reiche E-Autos wie der BMW i3 sind offenbar nicht die Zukunft.

Von Holger Holzer/SP-X

Carbon, Alu, Magnesium: Kaum ein Auto oberhalb der Kompaktklasse kommt heute ganz ohne diese teuren Leichtbaumaterialien aus. Doch der Trend zur Massen-Minimierung hat seinen Höhepunkt überschritten. Künftig wird das Gewicht bei Autos wohl wieder eine geringere Rolle spielen. Denn dem E-Mobil sind ein paar Pfund zu viel relativ egal.

Sogar üppige 300 Kilogramm Ballast steckt ein Elektroauto ziemlich locker weg, hat eine Studie des Center Automotive Research (CAR) der Universität Duisburg-Essen ergeben. Die Wissenschaftler haben den Stromverbrauch eines Tesla ohne Zusatzgewicht sowie mit 100, 200 und 300 Kilogramm miteinander verglichen. Bei der Leerfahrt lag der Verbrauch bei 17,77 kWh auf 100 Kilometern. Mit 300 Kilogramm extra stieg er lediglich auf 17,87 kWh – ein Unterschied von 0,6 Prozent.

Das Phänomen ließ sich nicht nur bei der insgesamt recht schweren Limousine Tesla S beobachten, sondern auch beim deutlich leichteren Kleinwagen BMW i3. Dort lag die Verbrauchsdifferenz zwischen Leerfahrt und 300-Kilo-Ballast zwar immerhin bei 4,4 Prozent, umgerechnet in Benzinverbrauch sind das aber auch nur 0,3 Liter. Bei einem konventionell angetriebenen Auto würde der Mehrverbrauch bei gleicher Zuladung wohl rund das Dreifache betragen.

Kaum Mehrverbrauch bei E-Autos 

Den Grund für den geringen Mehrverbrauch durch Mehrgewicht sieht die CAR-Studie in der umfassenden Bremskraftrückgewinnung von Autos mit Elektromotor. So muss zwar wie auch bei konventionellen Autos jedes zu bewegende Kilogramm unter großem Energieeinsatz beschleunigt werden, durch die starke Rekuperation des E-Antriebs wird aber auch ein größerer Anteil davon zurückgewonnen.

Natürlich ist nach wie vor ein leichtes E-Mobil sparsamer als ein schweres. Doch als Dogma bei der Fahrzeugentwicklung eignet sich der Leichtbau nicht mehr. "Die Entwickler müssen umdenken", so CAR-Leiter Ferdinand Dudenhöffer. Schwer fallen dürfte ihnen das nicht. Denn Leichtbau kostet viel Geld. Spielen Carbon, Alu und Magnesium nicht mehr genug Effizienzvorteile ein, lohnt sich die Investition nicht. E-Mobile sind aufgrund der kostspieligen Akkus teuer genug. Was sich an anderer Stelle sparen lässt, wird also umso schneller gestrichen. Ein Umstand, auf den auch Stahlhersteller wie ThyssenKrupp setzen. Die Essener haben berechnet, dass ein durchschnittliches Elektrofahrzeug bei 100 Kilogramm Gewichtsreduktion nur acht Kilometer an Reichweite gewinnt. Der Konzern rechnet damit, auch in Zukunft noch jede Menge Stahl an die Autohersteller liefern zu können.

Viel wichtiger als Leichtbau wird für das Elektroauto ein intelligentes Strom- und Energiemanagement, glaubt Dudenhöffer. "Was erheblichen Einfluss auf den Verbrauch hat, sind etwa die Klimaanlage oder andere wichtige elektrische Verbraucher", so der Experte. Die Entwicklungsprioritäten würden sich in diese Richtung verlagern. Beispielsweise könnte ein 500 Euro teures Solarpanel auf dem Dach, das die Klimaanlage beim Vorkühlen eines geparkten Fahrzeugs mit Strom versorgt, einen weitaus größeren Einfluss auf die Reichweite haben als eine viel teurere Carbon-Karosserie.

Stahl statt Carbon

Das sieht offenbar auch BMW mittlerweile so. Die Münchner hatten bei ihrem Elektroauto-Erstwurf i3 noch konsequent auf das teure Leichtbaumaterial Carbon gesetzt. Mit der Folge, dass der Kleinwagen heute der teuerste Stromer seiner Klasse ist. Bei der Reichweite haben jedoch mehrere tausend Euro günstigere Stahlmodelle wie der Renault Zoe die Nase vorn. Beim nächsten Elektro-BMW spielt Carbon daher keine Rolle mehr: Wenn der i5 ab 2021 aus dem Werk Dingolfing rollt, wird er aus einem Materialmix aus hochfestem Stahl, Leichtmetall und Kunststoff bestehen. Carbon gibt es dann höchstens noch in Form von Zierteilen an der Karosserie oder im Cockpit.

Komplett am Ende ist Leichtbau damit nicht. Bei konventionell angetriebenen Fahrzeuge und schweren SUV oder Oberklassemodellen wird auch künftig auf Gewicht geachtet werden. Und auch Sportwagen wird man aus fahrdynamischen Gründen weiterhin möglichst leicht bauen. Ein Megatrend, wie noch vor wenigen Jahren propagiert, wird Leichtbau aber wohl in der Breite nicht mehr werden. 

 
 

Copyright © 1999 - 2018 by AUTO SERVICE PRAXIS Online (Foto: BMW)

 


 
Zurück Artikel drucken Kommentar abgeben Heft-Abo
 
 
 

Kommentar verfassen

Schon gelesen? Die Top-Nachrichten

21.02.2018

¬ Umfrage

Gespaltene Meinung zu Fahrverboten

Sollen deutsche Städte Fahrverbote für schmutzige Dieselwagen verhängen dürfen oder nicht? Kurz vor einem wichtigen Urteil ist die Bevölkerung in der Frage entzweit. Eine Umfrage zeigt, wie kontrovers das Thema gesehen wird - und wie schlecht die Autoindustrie wegkommt. ¬ mehr

Bilder 21.02.2018

¬ Neuer BMW X4

Schneller Wechsel

Dass der erste BMW X4 nur ein recht kurzes Leben haben würde, war schon klar, als er vor vier Jahren auf den Markt kam. Nun steht der Nachfolger in den Startlöchern. ¬ mehr

21.02.2018

¬ Gewinnspiel

Meyle-Ralley 2018

Mit der Meyle-Rallye nach Sizilien

Zehn freie Werkstätten in Deutschland haben die Chance auf eine Eventreise nach Sizilien, wenn sie bei der Aktion des Ersatzteil-Spezialisten teilnehmen. Auch kleinere Betriebe haben Gewinnchancen. ¬ mehr

zum 7-Tage Rückblick

Frage der Woche


Beliebteste Inhalte

  • 18.02.2018 | Renault

    Kindersicherung deaktiviert sich

    Ronny meint: Komisch ich habe zwar nur nen megane 3, aber von jetzt auf gleich genau das selbe problem, also kann...mehr

  • 02.02.2018 | Citroën

    Viele Probleme auch im zweiten Halbjahr

    tojin meint: Genau, Muchael, PSA ist so schlecht, dass deutsche Autobauer seit vielen Jahren Partnerschaften im M...mehr

Newsletter

Immer gut informiert.

Der asp Newsletter informiert Sie werktäglich über die aktuellen Branchen-Geschehnisse. So erfahren Sie alle relevanten Infos. Jetzt kostenlos bestellen und immer top informiert sein!

Gabler Wirtschaftslexikon

GABLER WIRTSCHAFTSLEXIKON ONLINE

Gabler Wirtschaftslexikon Online: Lexikon und Definition für Betriebswirtschaft, Volkswirtschaft, Recht und SteuernDas Wissen der Experten:
- Qualitätsgeprüft.
- 25.000 Stichwörter.
- Kostenlos online.

» Definition kostenlos im Lexikon suchen

Betriebssicherheit

Mitarbeiteranweisungen

Mitarbeiteranweisungen

Schnell vermitteltes Wissen zu wesentlichen Gefahrenquellen in der Werkstatt. ¬ mehr

Werkstattkatalog

asp_wki_box_60x60

Alles für die Werkstatt!

Einmalig umfangreicher
Überblick zum Angebot der Werkstattausrüster.

¬ Zum Werkstattkatalog

Springer Automotive Shop

Optimierte Prozesse, höhere Werkstattrendite

Die 2. Auflage des Ratgebers "Teile- und Lagermanagement" bietet u.a. kostenfreien Zugang zu einem interaktiven Maßnahmenplan zur Optimierung Ihres Teile- und Zubehörlagers! ¬ Jetzt bestellen!