Dienstag, 25.06.2019
Verkehrsblatt IVW
17.03.2017

¬ Abgas-Manipulationen

Renault wehrt sich gegen Verdacht

Durchgesickerte Details aus einem Bericht der Pariser Anti-Betrugs-Behörde bringen den Autobauer Renault in Bedrängnis.
© Foto: picture alliance / AP Images

zum Themenspecial Frankreich

Von Sebastian Kunigkeit, dpa

Hat Frankreich nun auch einen Abgas-Skandal? Durchgesickerte Details aus einem Bericht der Pariser Anti-Betrugs-Behörde bringen den Autobauer Renault in Bedrängnis. Die Rede ist von betrügerischen Strategien, um die Ergebnisse von Abgastests bei der Fahrzeugzulassung zu verfälschen. Investoren reagierten nervös, der Aktienkurs lag am Freitag sieben Prozent niedriger als vor den Enthüllungen am Mittwoch.

Der Autobauer ist empört und sieht sich zu Unrecht in die Ecke gestellt. "Renault verdient keinesfalls die Behandlung, die es seit einigen Stunden erfährt", sagte Thierry Bolloré, der für Wettbewerbsfähigkeit zuständige Renault-Manager. "Wir sind schockiert, entsetzt und sogar wütend." In einem Interview der Zeitung "Le Figaro" weist er die Vorwürfe kategorisch zurück: "Renault hat nicht geschummelt, hat nicht getäuscht."

Hintergrund sind Untersuchungen, die Frankreich nach dem VW-Abgasskandal angesetzt hatte. 2015 war bekannt geworden, dass der deutsche Autobauer mit einer Software Abgastests manipuliert hatte - der Fall hatte Schockwellen durch die Industrie geschickt.

Installation einer betrügerischen Einrichtung?

Schon seit Monaten war bekannt, dass die Pariser Anti-Betrugs-Behörde ihre Erkenntnisse zu Renault-Fahrzeugen an die Justiz übergeben hatte. Seit Januar prüfen Ermittlungsrichter den Verdacht einer Täuschung. Doch die Zeitung "Libération" und weitere französische Medien nannten nun erstmals Details der Vorwürfe. Demnach heißt es in dem Behördendokument: "Diese Ergebnisse lassen die Installation einer betrügerischen Einrichtung vermuten, um Stickoxid-Emissionen unter den spezifischen Bedingungen der Zulassungstests zu reduzieren und so die ordnungsgemäßen Grenzwerte einzuhalten."

Laut der Wirtschaftszeitung "Les Echos" wird Renault verdächtigt, seine Abgasreinigung so eingestellt zu haben, dass sie bei den standardisierten Labortests perfekt funktioniert, unter anderen Bedingungen aber nicht. Insgesamt seien 900.000 Fahrzeuge betroffen. Die Behörde des Wirtschaftsministeriums spreche von einer "bewussten und vorsätzlichen" Strategie. Das Amt selbst äußerte sich nicht zum Inhalt seines Berichts. Renault gab an, keinen Zugang zu dem Dokument zu haben. Renault-Manager Bolloré sagte, der Autobauer habe keine Betrugs-Software eingesetzt: "Renault-Autos sind niemals mit solchen Systemen ausgestattet worden."

Die Abgasreinigung bei Autos ist seit dem Bekanntwerden des VW-Skandals ein viel diskutiertes Thema. Im Realverbrauch sind die Emissionen oft deutlich höher als im Labor - das hatten Messungen in Frankreich auch für Renault-Modelle gezeigt.

Rechtsvorschriften lassen Grauzonen

Die Rechtsvorschriften lassen den Herstellern Grauzonen: Unter bestimmten Bedingungen ist es nach EU-Recht etwa zulässig, die volle Reinigung der Abgase in einigen Situationen auszusetzen. Eine solche Abschalteinrichtung darf etwa genutzt werden, um bei niedrigen Temperaturen empfindliche Bauteile zu schonen. Umweltverbände kritisieren dies jedoch als Schlupfloch. Ab Herbst sollen schrittweise neue Regeln für realistischere Zulassungs-Tests greifen.

Die Behörden in Frankreich prüfen im Fall Renault den Verdacht einer Täuschung der Verbraucher über die zentralen Eigenschaften des gekauften Produkts. Dafür kann eine Strafe von bis zu zehn Prozent des durchschnittlichen Umsatzes der letzten drei Jahre drohen. Der Bericht soll die mögliche Maximalstrafe für Renault auf 3,58 Milliarden Euro beziffern.

Analysten der Großbank Société Générale sahen nach den Enthüllungen aber keinen Anhaltspunkte dafür, dass Renault tatsächlich rechtliche Konsequenzen drohen. "Es war lange ein schmutziges kleines Geheimnis der Industrie, dass alle Autobauer mit dem System spielen, und die Behörden haben ihnen weiten Spielraum gegeben", schrieben sie in einer Studie. "Wir glauben nicht, dass Renault gegen das derzeitige Recht verstoßen hat (...)."

Belastung für das Image

Für das Image des Konzerns könnten die Vorwürfe dennoch zur Belastung werden. Dabei hat Renault wirtschaftlich ein gutes Jahr hinter sich: Der Gewinn legte um 21 Prozent auf 3,4 Milliarden Euro zu. Bei Elektroautos gilt Renault in Europa als Vorreiter. Das Unternehmen verweist zudem darauf, dass es seit Mitte 2015 bereits Schritte ergriffen hatte, um bei den realen Emissionswerten besser zu werden.

Eine klare Antwort auf die Frage, ob Renault in der Abgasfrage echte Probleme drohen, dürften letztlich nur die Ermittlungen bringen. Und die könnten sich angesichts der technischen Komplexität hinziehen. Manager Bolloré sagte, dass Renault bislang noch gar nicht von den Ermittlungsrichtern kontaktiert worden sei.

 
 

Copyright © 1999 - 2019 by AUTO SERVICE PRAXIS Online (Foto: picture alliance / AP Images)

 


 
Zurück Artikel drucken Kommentar abgeben Heft-Abo
 
 
 

Kommentar verfassen

Schon gelesen? Die Top-Nachrichten

Update für den Meister

Renault hat sein Arbeitstier Master modernisiert, mit neuen Assistenzsystemen bestückt und die Motoren auf den neuesten Stand gebracht. Der Profi-Kunde kann jetzt unter mehr als 300 Varianten des Transporters wählen. Allen gemeinsam ist: Sie lassen sich so leicht fahren wie ein Pkw. ¬ mehr

Bund setzt auf neue Antriebe

Sind die deutschen Autokonzerne gut gewappnet für die neue Zeit mit digitaler Technik und Antrieben jenseits von Diesel und Benzin? Was heißt das für die Mitarbeiter? Die Kanzlerin hat ein Auge darauf. ¬ mehr

24.06.2019

¬ Abgas-Vorwürfe

Mercedes GLK

KBA verdonnert Daimler zur Pflicht-Rückruf

Nach dem Auffliegen des Diesel-Skandals vor inzwischen vier Jahren schauen die amtlichen Prüfer genauer hin. Das hat nun erneut Konsequenzen für Daimler. Der Konzern widerspricht den Vorwürfen. ¬ mehr

zum 7-Tage Rückblick

Frage der Woche


Beliebteste Inhalte

  • 21.06.2019 | Umfrage

    Autohändler ächzen weiter unter Euro 5-Dieseln

    Erwin Tischler meint: Hardware-Nachrüstung ist dringend geboten. Sowohl für den Kunden, als auch für den Händler, der ...mehr

  • 18.06.2019 | Fahrbericht BMW X3/X4 M

    Sportwagen von heute

    Martin Hartmann meint: Yes, das braucht Man(n) heute um von A nach B durch den Münchner Feierabendverkehr zu cruisen. Wied...mehr

  • 10.05.2019 | Serviceexpertengipfel Zweiflingen

    Wer nicht mitgeht, hat keinen Platz mehr

    TomCat meint: Über-den-Tisch-Zieh Prämie?"Torsten Fiebig, Berater beim Marketingspezialisten Veact, stellte ...mehr

Newsletter

Immer gut informiert.

Der asp Newsletter informiert Sie werktäglich über die aktuellen Branchen-Geschehnisse. So erfahren Sie alle relevanten Infos. Jetzt kostenlos bestellen und immer top informiert sein!

Betriebssicherheit

Mitarbeiteranweisungen

Mitarbeiteranweisungen

Schnell vermitteltes Wissen zu wesentlichen Gefahrenquellen in der Werkstatt. ¬ mehr

Werkstattkatalog

asp_wki_box_60x60

Alles für die Werkstatt!

Einmalig umfangreicher
Überblick zum Angebot der Werkstattausrüster.

¬ Zum Werkstattkatalog

Springer Automotive Shop

Leistungsträger statt Mitläufer!

In der Neuerscheinung "Gewinnertypen im Verkauf" zeigt Ihnen Top-Verkäufer Ulrich Stegmann, wie Sie zu einer erfolgreichen Verkäuferpersönlichkeit werden. ¬ Jetzt bestellen!