Sonntag, 22.09.2019
Verkehrsblatt IVW
02.04.2019

¬ Mehr Schutz für den Unfallgegner

Neuer Crashtest kommt

ADAC Crashtest Audi Q7 gegen Fiat 500

Kommendes Jahr gibt es eine neue Dummy-Puppe für Crashtests und strengere Maßstäbe für Gurte und Airbags.
© Foto: ADAC

zum Themenspecial SUV

Von Roland Losch/dpa

Die Sicherheitsexperten der europäischen Autoclubs müssen dieses Jahr weit mehr Autos zu Schrott fahren als gewöhnlich. Denn nächstes Jahr gibt es nicht nur eine neue Dummy-Puppe und strengere Maßstäbe für Gurte und Airbags, sondern auch einen neuen europäischen Crashtest. Da wollen sich einige Autohersteller lieber noch Bestnoten nach dem alten Testverfahren sichern.

"Wir sehen in der Unfallforschung, dass die Fahrzeuge mit Blick auf die Testverfahren optimiert wurden", sagt Reinhard Kolke, Leiter des ADAC-Technikzentrums, am Dienstag bei einer Expertentagung in München. Wer die Insassen des eigenen Autos und Fußgänger optimal schützt und den Fahrer mit Assistenzsystemen unterstützt, bekommt fünf Sterne. Doch ab 2020 wird auch benotet, was ein Auto beim Unfallgegner anrichtet. Und das kann für manchen Hersteller richtig teuer werden.

"Wenn sich der Längsträger durchbohrt bis zum Sitz des anderen Autos, kann sich das jeder vorstellen", sagt Volker Sandner, Leiter der Crashtests beim ADAC. Der große Audi-SUV Q7 gegen einen Fiat 500, Peugeot 308 gegen Ford Fiesta, VW Golf gegen Smart - immer wieder fanden die im europäischen Testkonsortium NCAP zusammengeschlossenen Autoclubs und Behörden nicht kompatible Knautschzonen, und sie stellten fest: "Partnerschutz leistet auch einen großen Beitrag zu mehr Eigenschutz."

Punktabzug bei nicht partnerschaftlichem Crash-Verhalten

Honda habe das Thema Kompatibilität früh aufgegriffen, andere hätten es aus Kostengründen wieder in die Schublade gelegt, der VW-Konzern habe Nachholbedarf, sagt Sandner. "Aber jetzt ist das Thema auf dem Tisch." Wer sich beim Frontalcrash mit einem normierten Kompaktklasse-Fahrzeug nicht partnerschaftlich verhält, bekommt ab 2020 Punkte abgezogen beim NCAP-Test. "Vor allem kleinere Fahrzeuge mit steifer Frontstruktur werden Punkte verlieren", erwartet Sandner. Da ziehen einige Autobauer den 2019 noch geltenden Test vor. Im Durchschnitt testen die NCAP-Mitglieder 40 Fahrzeuge im Jahr. "Dieses Jahr werden es etwa 60 sein", sagt Sandner.

Allerdings setzen nicht alle Hersteller gleichermaßen auf Sicherheit als Marketinginstrument. So hat der Fiat Panda beim NCAP-Test 2018 null Sterne bekommen, der neue Jeep Wrangler aus demselben Konzern nur einen Stern. Beim Kauf eines Neuwagens ganz oben stehen Zuverlässigkeit, Aussehen und Preis, erst an vierter Stelle folgt Sicherheit, heißt es beim Verband der Automobilindustrie (VDA). "Sicherheit ist für sich kein Kaufargument", sagt Branchenexperte Stefan Bratzel von der Fachhochschule Bergisch Gladbach. "Aber wenn ein Auto als unsicher gilt, ist das ein Kaufhindernis. Das hat man bei chinesischen Herstellern gesehen."

Zahl der Unfallopfer wieder gestiegen

Dabei ist die Zahl der Unfallopfer im vergangenen Jahr wieder gestiegen - 3.265 wurden getötet, fast 68.000 schwer verletzt. Das verursacht nicht nur unermessliches Leid, sondern auch enorme volkswirtschaftliche Kosten: Die Bundesanstalt für Straßenwesen in Bergisch Gladbach, die ebenfalls NCAP-Tests durchführt, beziffert die finanziellen Folgen der Todesfälle und Verletzungen auf 13 Milliarden, die Sachschäden auf 21 Milliarden Euro jährlich.

Versicherungen geben keinen Extra-Rabatt für Autos mit NCAP-Bestnoten. Ihr Gesamtverband GDV teilt die 29.000 Automodelle auf deutschen Straßen je nach Schadenhäufigkeit und Schadenhöhe in Typklassen ein, und danach berechnet jeder Versicherer seine Beiträge.

Mit dem zusätzlichen Crashtest und dem neuen Dummy namens "Thor" ist der NCAP-Test nach Einschätzung des ADAC ab 2020 einen großen Schritt weiter. Bei Frontalzusammenstößen seien heute schwere Brustkorb- und Bauchverletzungen typisch, sagt Sandner. "Thor" sei flexibler und mit viel mehr Messpunkten "gefühlsechter" als der heutige Dummy. Er zeige, was passiert, wenn sich der Körper beim Aufprall seitlich verdreht oder der Bauch unter dem Beckengurt durchrutscht. Beim Gurt, beim Airbag, "die Hersteller reagieren schon, da werden Verbesserungen schneller kommen", sagt der Testleiter. "Wie schnell das bei den Rohbau-Strukturen geht - da bin ich noch gespannt."

Zumal die Autobauer weltweit mit sinkenden Verkaufszahlen kämpfen und viel Geld in die Elektromobilität investieren müssen. Und ab 2022 fordert die EU auch den obligatorischen Einbau vieler Assistenzsysteme, um das Fahren sicherer zu machen.

 
 

Copyright © 1999 - 2019 by AUTO SERVICE PRAXIS Online (Foto: ADAC)

 


 
Zurück Artikel drucken Kommentar abgeben Heft-Abo
 
 
 

Kommentar verfassen

Schon gelesen? Die Top-Nachrichten

Mercedes-Benz Sprinter

Brandgefahr durch thermische Überlastung

Mercedes ruft weltweit rund 7.000 Sprinter zurück. Grund ist eine mögliche thermische Überlastung am Kompressor der Luftfederung, die zum Brand führen kann. ¬ mehr

Bernhard Mattes IAA 2019

Neues Konzept für IAA gesucht

Proteste von Klimaschützern, Rücktritt des obersten Autolobbyisten, Zwist mit dem Frankfurter Oberbürgermeister und eine Debatte über die Zukunft der Messe - der Autoschau IAA fehlte in diesem Jahr der Glanz. Der Veranstalter VDA zieht dennoch eine positive Bilanz. ¬ mehr

GroKo einig über Klimapaket

Stundenlang ringen Union und SPD um einen großen Plan, damit Deutschland die Klimaziele 2030 doch noch einhält. Nun ist ein Paket geschnürt - und die Kritiker reagieren prompt. ¬ mehr

zum 7-Tage Rückblick

Frage der Woche


Beliebteste Inhalte

  • 12.09.2019 | Stahlgruber

    Neues Verkaufshaus in Wolfschlugen

    Josef Herl meint: Sehr geehrte Damen und Herren,wir benötigen kurzfristig eine Nußbaum 2 SeilenHebebühne mindest 3 ...mehr

  • 09.09.2019 | VW elektrifiziert Oldtimer

    E-Power für altes Blech

    Volker Frank meint: Wie wirkt sich das auf den Oldtimer-Status aus (Erhaltung des technischen Kulturgutes ???...mehr

  • 08.09.2019 | VW elektrifiziert Oldtimer

    E-Power für altes Blech

    Fritz Wichmann meint: Ich verstehe den Sinn so eines Umbau nicht, warum baut man einen Oldtimer umbaut....mehr

Newsletter

Immer gut informiert.

Der asp Newsletter informiert Sie werktäglich über die aktuellen Branchen-Geschehnisse. So erfahren Sie alle relevanten Infos. Jetzt kostenlos bestellen und immer top informiert sein!

Betriebssicherheit

Mitarbeiteranweisungen

Mitarbeiteranweisungen

Schnell vermitteltes Wissen zu wesentlichen Gefahrenquellen in der Werkstatt. ¬ mehr

Werkstattkatalog

asp_wki_box_60x60

Alles für die Werkstatt!

Einmalig umfangreicher
Überblick zum Angebot der Werkstattausrüster.

¬ Zum Werkstattkatalog

Springer Automotive Shop

Entdecken Sie Quirin!

In der Neuerscheinung "Die Quirin-Formel" zeigt Ihnen Dr. Andreas Block, welche zentralen Bausteine erfolgreiche Autohäuser gemein haben. ¬ Jetzt bestellen!