Samstag, 20.10.2018
Verkehrsblatt IVW
09.08.2018

¬ 70 Jahre Porsche 356

Der Urvater aller Serien-Porsche

Der Porsche 356 wurde von 1948 bis 1965 in vier Modellgenerationen gebaut.
© Foto: Porsche

Von Wolfram Nickel/SP-X

Manchmal ist es die Faszination großer Namen, die Unmögliches wahr werden lässt. Vor 70 Jahren demonstrierten das Ferdinand Porsche und sein Sohn Ferry mit dem Urvater aller Serien-Porsche, dem ersten Roadster vom Typ 356 mit legendärer Fahrgestellnummer 356-001. Ein Sportwagen in einer Zeit des Mangels, als die Verwüstungen des Zweiten Weltkriegs noch allgegenwärtig waren – wer sollte den kaufen?  Es waren Schweizer Unternehmer, die an die Marktchancen des stromlinienförmigen Roadsters glaubten, der in einer Baracke im österreichischen Gmünd gebaut wurde – schließlich ging es um einen Porsche.

Als Konstrukteur des VW Käfer und der Auto-Union-Silberpfeile wurde Ferdinand Porsche damals bereits in einem Atemzug genannt mit Gottlieb Daimler oder Henry Ford und sein Sohn Ferry stand ihm in nichts nach. Grund genug für die Schweizer Rupprecht von Senger und Bernhard Blank, 1948 einen Auftrag über 50 Porsche 356 zu platzieren, die in der vom Krieg verschonten Schweiz verkauft werden sollten. Damit die Fertigung nicht durch Materialmangel ins Stocken geriet, lieferte von Senger Leichtmetall und VW-Teile nach Österreich. Mit auf 26 kW / 35 PS frisiertem VW-Motor feierte der Porsche Nr. 1 seine Pressevorstellung am 4. Juli 1948 vor dem Grand Prix der Schweiz in Bern, das erste Mal vor großem Publikum präsentierte sich der Porsche 356 auf dem Genfer Salon 1949. Dazwischen lag der erste Sporterfolg am 11. Juli 1948 in Innsbruck: Nur Ferrari kann wie Porsche auf eine absolut lückenlose 70-jährige Renngeschichte zurückblicken. Für Porsche essentieller war jedoch die stolze Zahl von fast 78.000 Porsche 356, die ab 1950 in Stuttgart gebaut wurden.

Ein Sportwagen nach dem persönlichen Geschmack von Ferry Porsche

Wie Ferry Porsche einmal erklärte, wollte er mit dem 356 – der Typencode steht für die Entwicklungsnummer – einen Sportwagen nach seinem persönlichen Geschmack bauen. Und sein Vater Ferdinand Porsche bestätigte ihn darin, alles richtig zu machen. Schließlich hatte er mit dem „Berlin-Rom-Sportwagen“ 1939 die Grundlage für die Idee eines Sportwagens mit dem Namen Porsche gelegt. Für das Design zeichnete Erwin Komenda verantwortlich, der sich dabei an seinen Entwürfen für ein viersitziges Sportcoupé aus dem Jahr 1946 orientierte. Denn bereits damals gab es einen ersten Kontakt zwischen Porsche und Rupprecht von Senger, der eine Designstudie bestellte. Allerdings fiel der finale Typ 356 dann doch entschieden rassiger aus.

Tatsächlich war der Porsche-Vierzylinder eine Fahrmaschine, mit der Porsche sofort in die Phalanx schneller Freudenspender einbrach, wie sie als Alfa, MG und Jaguar Erfolge einfuhren. Bescheiden blieben die Porsche-Stückzahlen in den ersten Jahren vor allem wegen der beengten Räumlichkeiten in der Manufaktur in den Gmünder Holzhütten. Den Kärntner Standort Gmünd hatte Porsche 1944 gewählt, um den direkten Kriegsauswirkungen zu entgehen. Nach fünf Jahren in Österreich und 53 gebauten Porsche 356 ging es 1949 zurück nach Stuttgart-Zuffenhausen, wo allerdings vorläufig noch amerikanische Streitkräfte das Porsche-Stammwerk besetzten.

Konstruktive Verwandtschaft mit VW Käfer bescherte Alltagstauglichkeit

Eine Ausweichlösung bot eine Kooperation mit den Stuttgarter Karosseriewerken Reutter, wo 1950 die Produktion des ersten Serienmodells anlief. Als Herz fungierte weiterhin ein modifizierter Volkswagen-Vierzylinder, aber statt des ursprünglichen Fahrzeuglayouts mit Rohrrahmen, Aluminium-Karosserie und Mittelmotor waren Heckmotor und Stahlblechrahmen Charakteristika des Stuttgarter Sportwagens. Tatsächlich war es auch die enge konstruktive Verwandtschaft mit dem VW Käfer, die dem von Beginn als Coupé und Cabriolet erhältlichen Porsche 356 außergewöhnliche Alltagstauglichkeit verlieh und seine Bestsellerkarriere beschleunigte. Auch die vielen VW-Großhändler und -Importeure, die den ersten deutschen Nachkriegs-Seriensportler schon zu Beginn der 1950er Jahre ins Programm aufnahmen, ermöglichten dem robusten Racer Absatzchancen, die anderen Newcomern wie etwa Veritas-BMW fehlten.

BILDERGALERIE

Ein 3,87 Meter kurzer Sportwagen vom Konstrukteur des VW Käfers, das ließen sich deutsche Enthusiasten 1950 stolze 10.200 Mark kosten. Vielleicht weil die leichtgewichtigen Coupés und Cabrios trotz ihrer gerade einmal 29 kW/40 PS freigebenden 1,1-Liter-Vierzylinder die Möglichkeit gaben, sonntags auf die Rennstrecke und montags ins Büro zu fahren. Eine Freizeitbeschäftigung, die bis Anfang der 1960er Jahre nicht nur in den USA populär war. Am nachhaltigsten demonstrierten jedoch die Amerikaner die Magie, die von den kleinen Fahrmaschinen mit großem Porsche-Schriftzug auf der Haube ausging. Im Herbst 1950 kam es zur Kooperation zwischen Ferdinand Porsche und dem nordamerikanischen Sportwagenimporteur Maximilian E. Hoffman, vermittelt übrigens durch einen Schweizer Journalisten. Fortan waren die USA wichtigster Exportmarkt.

Passend dazu hatte Porsche Duplexbremsen und einen optionalen 1,3-Liter-Motor eingeführt, ganz nach dem alten Technik-Credo „Hubraum ist durch nichts zu ersetzen“. Es folgten ein 160 km/h schneller 1300 S, eine 1,5-Liter-Version – damals die Obergrenze für wichtige Rennkategorien – und der 51 kW/70 PS leistende 1500 S mit einer Nockenwelle, die der spätere Unternehmenschef Ernst Fuhrmann entwickelt hatte. Implantiert wurde das 1,5-Liter-Aggregat auch in den von Max Hoffman angeregten America Roadster, der dank leichter Alukarosse von Gläser 180 km/h schnell war.

Das Modellportfolio wurde ständig erweitert und fand seinen Höhepunkt im Speedster

Kaum ein Rennklassiker, in dem die Porsche 356 nicht erfolgreich waren. Die Motorsport-Dominanz begann mit einem Klassensieg in Le Mans 1951, ging über Langstreckenrallyes wie Lüttich-Rom-Lüttich, die Carrera Panamericana und gipfelte in zahlreichen Weltrekordfahrten. Triumphe, die Porsche auch in der Werbung nutzte. Im Jahr 1952 konnte der Hersteller auf 75 Siege verweisen, zwei Jahre später betrug die Ausbeute 420 Erfolge.

Porsche war nun in der Spitze des Sports angekommen und feierte dies mit einer kontinuierlichen Erweiterung und Pflege des Modellportfolios. Speziell für die amerikanischen Sportwagenfans wurde im Herbst 1954 der Speedster aufgelegt. Jenes Fahrzeug, das Hollywood-Star James Dean erwarb und später gegen einen Spyder tauschte. Im Oktober 1955 ging der facegeliftete Porsche 356 A an den Start, ihn gab es in den Karosserieversionen Coupé, Cabriolet, Speedster, Convertible D, Hardtop (fest montierter Dachaufsatz) sowie mit Hardtop für Cabrio und Speedster. Ergänzt wurde das Programm durch die bis 85 kW/115 PS starken Carrera-Sportversionen. Da war für jeden der richtige Renner dabei, befanden bis zum Herbst 1959 insgesamt 21.045 Käufer. Aber auch die Evolutionsstufen Carrera B (1959-1963) und Carrera C (1963-1965) ließen das Feuer lodern und das sogar noch nach dem 1963 erfolgten Debüt des Porsche 901 beziehungsweise 911. Schönste Beispiele sind vielleicht zehn Cabriolets, die als Sonderserie ein Jahr nach Produktionsende des 356 für die niederländische Reichspolizei gebaut wurden. Oder das 356 Cabriolet im 68er Kultfilm Bullitt, nicht zu vergessen der psychedelisch gestaltete 356 von Janis Joplin.

 
 

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