Samstag, 24.08.2019
Verkehrsblatt IVW
22.01.2019

¬ Fahrbericht Kia Proceed

David ärgert Goliath

Rundlich-pummeliges Heck mit hohem Aufmerksamkeitswert.
© Foto: Kia

Von Peter Maahn/SP-X

Schon mal was von einem Shooting Brake gehört? Wer sich nicht gerade bei alten englischen Kutschen auskennt, muss bei dieser Quizfrage wohl passen. Der historische Begriff für einen seitlich zur Hälfte offenen Pferdewagen, aus dem heraus die feine viktorianische Gesellschaft wie in einem rollenden Hochstand Jagd auf Wild machte, wurde wiederbelebt und in die moderne Autowelt übertragen. Auf den Mercedes CLA Shooting Brake zum Beispiel, den sportlichen Kombi der A-Klasse-Familie. Ihn hat sich Kia jetzt als Rivalen ausgeguckt.

Bildlich gesprochen schießen die Koraner nun aus so einem Shooting Brake heraus scharf in Richtung Stuttgart, bislang war der kompakte Mercedes CLA Shooting Brake ziemlich allein auf weiter Flur. Typische Merkmale einer solchen Art von Auto: auffallend schmale Seitenfenster mit durchgehend gerader unterer Kante, die oben von einem halbmondförmigen Rahmen überdacht wird. Gleichzeitig fällt das Dach gen Heck sanft, aber bestimmt ab. Die Krönung ist ein rundlich-pummeliges Heck mit hohem Aufmerksamkeitswert. Genau diese Erkennungszeichen finden sich beim Kia Proceed wieder.

Schluss mit jäh abgehackten Kombi-Hinterteilen, dafür schwungvolle Eleganz als gutes Ende für ein 4,60 Meter langes Auto. Logisch, dass wegen der Schräge nicht soviel in den Laderaum gepackt werden kann, wie in den klassischen Kombi aus gleicher Familie. Mit 594 sind es aber nur 30 Liter weniger, die leicht verkraftet werden können. Der um vier Zentimeter längere Stuttgarter Shooting Brake packt sich 99 Liter weniger zwischen Rückbank und Heckscheibe.

Während Nutzer eines Kombi-Klassikers eher praktisch orientiert sind und oft eine größere Familie samt Krimskrams für den Wochenend-Ausflug zusteigen lassen, ist die Größe des Gepäckabteils für die Bedürfnisse der angestrebten Kundschaft des Proceed sicher wichtig, aber nicht entscheidend. Sie freuen sich hingegen gleichermaßen an Form und Funktion. 

Schon der Grundpreis des Proceed liegt mit rund 27.700 Euro über dem Kia-üblichen Kurs. Dafür ist die Basisvariante gespickt mit Extras: So sind elektronische Wächter für drohende Frontkollisionen, das Verlassen der Fahrspur oder zur Überwachung des Toten Winkels ebenso an Bord wie DAB-Radio, Abstandsradar, LED-Scheinwerfer, Rückfahrkamera und vieles mehr. Selbst mit dem Navi-Paket, das für 890 Euro neben der elektronischen Landkarte Verkehrszeichenerkennung und Soundsystem enthält, ist die 30.000-Euro-Marke nicht erreicht.

Das Basismodell des Proceed bewährt sich auf der ersten Ausfahrt rund um Barcelona auch in der Praxis. Der 1,4-Liter-Vierzylinder muss sich mit seinen 103 kW / 140 PS vor dem Einstiegs-Pendant bei Mercedes (90 kW / 122 PS) nicht verstecken. Der kleine Benziner hat mit dem fast 1,4-Tonnen-Kia keine Mühe, bringt seine Durchzugskraft schon bei recht niedriger Drehzahl zur Geltung, verlangt beim Beschleunigen allerdings recht früh den nächsthöheren Gang. Lenkung, Bremsen und Abstimmung des Fahrwerks lassen zwar keine Enttäuschung aufkommen, wer es aber der rasanten Optik entsprechend mit Sportlichkeit hält, sollte eher den stärkeren Benziner (150 kW / 204 PS) wählen - der GT ist 3.500 Euro teurer.

Einzige Makel sind das Spurhaltesystem und die Darstellung des 8-Zoll-Navis  

Der Basis-Proceed, den wohl die meisten Kunden wählen, schwimmt klaglos und unaufgeregt im Verkehr mit und knackt auf Wunsch auf der Autobahn die 210-km/h-Grenze. Das Platzangebot auch auf der Rückbank, die makellose Verarbeitung sowie die verwendeten Materialien entsprechen dem ordentlichen Standard, den Kia-Fans an ihrer Marke schätzen. Insofern ist man mit der günstigsten Variante des Kombi-Coupés gut bedient. Lediglich das Spurhaltesystem nervt ständig durch Piepen, obwohl es auch automatisch zurück auf die eigene Spur lenkt, und auch die Darstellung des 8-Zoll-Navis überzeugt nicht restlos.

Natürlich muss sich Mercedes trotz des gelungenen Auftritt des neuen Rivalen und trotz eines um mehrere tausend Euro höheren Basispreises nicht unbedingt warm anziehen. Die Strahlkraft der Marke mit dem Stern und die technische Vorreiterrolle kann den Koreaner in Schach halten. Für designorientierte Kombi-Kunden ist der Proceed eine interessante neue Option. Interessenten eines Kia Ceed werden sich je zu 25 Prozent für den Proceed oder den normalen Kombi entscheiden, rechnet der deutsche Kia-Chef Steffen Cost vor. Die andere Hälfte des Ceed-Absatzes entfällt auf die fünftürige Schrägheck-Limousine. 

 
 

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