Dienstag, 18.12.2018
Verkehrsblatt IVW
11.10.2018

¬ Digitalisierung

Das Smartphone als Autoschlüssel

Bosch will das Handy als alternativen Autoschlüssel etablieren.
© Foto: Bosch

Von Holger Holzer/SP-X

Das Auto auf- und abschließen per Handy? Heute mit der richtigen App längst nichts Besonderes mehr. Doch bald wird das Smartphone den klassischen Fahrzeugschlüssel immer häufiger auch beim Motorstart ersetzen. Das hat nicht zuletzt beim Carsharing und für Berufskraftfahrer große Vorteile. Doch bis es soweit ist, sind noch ein paar Fragen zu klären.

Wer ein Smartphone besitzt und den Connectivity-Dienst eines Autoherstellers oder Drittanbieters abonniert hat, kann schon heute die Autotüren aus der Ferne per App aufschließen und versperren. Bei Angeboten wie Mercedes Me, BMW Connected Drive und Co. ist diese Möglichkeit aber in erster Linie Spielerei. Oder im besten Fall eine Möglichkeit für vergessliche Fahrer, aus der Ferne zu prüfen, ob sie ihr Fahrzeug auch wirklich richtig versperrt haben. Es gibt aber auch schon recht handfeste und praktische Anwendungsfelder für virtuelle Autoschlüssel. So erproben zurzeit einige Autohersteller aktuell die Paketlieferung in den Kofferraum; der Bote erhält dafür einen Einmalcode auf sein Handy, der das Gepäckabteil für die Zustellung öffnet. Der Motorstart ist natürlich nicht möglich.

Als vollwertiger Autoschlüssel fungiert das Handy heute aber lediglich in Ausnahmefällen. Etwa bei Mercedes, wo Käufer seit kurzem die Option "Digitaler Fahrzeugschlüssel" ordern können. Für 120 Euro lässt sich das Smartphone mit bis zu vier Autos vernetzen, zum Öffnen muss das Telefon dann an den Türgriff gehalten werden. Der Motorstartknopf wird freigegeben, sobald das Gerät im Innenraum detektiert ist. Nötig ist dafür ein Smartphone mit dem heute fast obligatorischen Nahfeld-Kommunikations-Standard NFC sowie einer speziellen Secure-SIM-Karte, die eine verschlüsselte Signalübertragung ermöglicht. Mercedes selbst preist die Technik als "Schritt in die Zukunft" an und prüft offenbar, ob dort ein Geschäftsmodell drinsteckt. Denn nach drei kostenlosen Jahren wird eine regelmäßige Grundgebühr fällig.

Notwendigkeit der Schlüsselübergabe entfällt

Dass die Kundschaft beherzt zugreift, scheint zunächst einmal unwahrscheinlich. Besteht der alltagspraktische Vorteil gegenüber den längst gängigen automatischen Smart-Key-Schließsystemen doch vor allem darin, dass neben dem Handy nicht auch noch der Autoschlüssel die Sakkotaschen ausbeult. Der eigentliche Grund für die potenzielle Überlegenheit des digitalen Schlüssels wird im Mercedes-Modell nicht voll ausgespielt: Ist zum Öffnen und Starten kein greifbarer Gegenstand mehr nötig, entfällt beim Fahrer- oder Fahrzeugwechsel die Notwendigkeit der Schlüsselübergabe. Statt über den faktischen Besitz des Schlüssels wird die Fahrberechtigung virtuell weitergegeben und getauscht – und notfalls auch entzogen. Potenziell sind unendlich viele virtuelle Teil- oder Vollzeitschlüssel möglich. Mercedes beschränkt die Zahl pro Auto zunächst auf drei. Gerade einmal genug für Ehemann, Ehefrau und ein erwachsenes Kind.  

Die Flexibilität digitaler Autoschlüssel ist vor allem für Carsharing-Anbieter, Autovermieter und Betreiber von Firmenflotten interessant. Und auch Speditionen zählen zu den Zielkunden: Bosch etwa hat kürzlich auf der IAA Nutzfahrzeuge eine Lkw-Variante seiner für 2020 im Pkw angekündigte Technik präsentiert. Auch der Zulieferer setzt auf NFC-Sender, die dank des geringen Energieverbrauchs auch bei leerem Handyakku noch funktionieren sollen. Die Vorteile des Handy-Schließsystems sind im Lkw prinzipiell die gleichen wie im Pkw: So können die Disponenten in der Spedition Fahrberechtigungen per Mausklick verwalten und verteilen. Die Fahrer müssen sich nicht mehr einen physischen Schlüssel besorgen, sondern benötigen bei Dienstbeginn nur noch ihr Handy. Ebenso einfach gelingt das Widerrufen der Fahrt-Berechtigung.

Bis die Technik in der Breite startet, sind jedoch noch einige praktische, rechtliche und technische Probleme zu lösen. Um letzteres kümmert sich beispielsweise das Car Connectivity Consortium, in dem sich unter anderem Apple, Samsung, Vodafone, BMW und General Motors zusammengeschlossen haben. Grundlagentechnik der Schlüssel, da ist sich die Branche weitgehend einig, sollen die weit verbreiteten Standardtechnologien NFC und Bluetooth sein. Entwicklungsbedarf hingegen gibt es noch bei Nutzerfreundlichkeit, Bedienbarkeit und nicht zuletzt bei der Sicherheit. Denn virtuelle Schlüssel können mindestens ebenso leicht gestohlen und kopiert werden wie ihre reellen Pendants.

Noch sind etliche Fragen offen

Auch bei rechtlichen und praktischen Fragen stehen einige Antworten noch aus, nicht zuletzt aus Sicht der Versicherungswirtschaft. So wünscht sich die Allianz eine Protokollfunktion, die speichert, wer das Fahrzeug zuletzt gefahren ist. Zudem stellt sich für die Assekuranz die Frage, wie sich ohne Schlüssel der Diebstahl eines Autos beweisen lässt. Bislang sandte der Halter die Schlüssel des entwendeten Fahrzeugs bei seiner Versicherung ein, um den Schaden ersetzt zu bekommen. Mit virtuellen Exemplaren ist das nicht mehr ohne weiteres möglich. Die Allianz fordert daher, virtuelle Schlüssel ebenso restriktiv zu verwenden wie ihre physischen Vorläufer und die unkontrollierte Vervielfältigung technisch zu verhindern. Zudem soll es für jedes Auto ein Verzeichnis der berechtigten Fahrzeugnutzer geben, das der Kunde nicht allein ändern kann.

Ob sich die Idee mit dem virtuellen Schlüssel vor allem bei den in Sachen Auto eher konservativen deutschen Privatwagenfahrern durchsetzt, bleibt abzuwarten. Und hängt wohl nicht zuletzt von der administrativen Handhabung und der konkreten Bedienbarkeit der Technik ab. Wie aufwendig etwa ist ein Wechsel des Handys? Oder was passiert mit Bluetooth-Schlüsseln bei leerem Akku? Im gewerblichen Bereich, bei Spedition und Carsharing-Anbietern dürften die praktischen Vorteile hingegen so groß sein, dass der Handyschlüssel relativ schnell Standard werden wird.

 
 

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