Donnerstag, 23.05.2019
Verkehrsblatt IVW
09.03.2018

¬ Renault Concept-Car EZ-GO

Das rollende Kaffeekränzchen

Die Franzosen präsentieren in Genf eine Idee für das autonome Taxi der Zukunft.
© Foto: Renault

zum Themenspecial Autonomes Fahren

Von Peter Weißenberg/SP-X

Alle wollen alt werden, aber niemand will alt sein. Das ist so eine paradoxe Entwicklung, mit der sich Christian Ledoux herumschlagen muss. Denn als Chef der Mobility-Dienste von Renault soll er Angebote entwickeln, die zu solchen Entwicklungen passen. Also etwa Autos für Nicht-mehr-ganz-so-Frische, in denen diese sich jung, modern und gut aufgehoben fühlen. Eine Lösung heißt EZ-GO.

Urbaner Lifestyle

Das Concept-Car zeigt der französische Konzern auf der Automesse in Genf. Es soll eine Antwort sein auf die Tatsache, dass die Städte der Welt immer größer und dichter besiedelt werden. "Aber ganz unterschiedlich: In Japan oder Europa wird die Durchschnittsbevölkerung immer älter, in Afrika oder Asien gibt es immer mehr Jüngere, die sich kein eigenes Auto leisten können", so Ledoux. Urbanen Lifestyle, sinnvoll genutzte Reisezeit und die neueste Technik wollen aber alle. Ob in der coolen Lounge oder im knuffigen Kaffeekränzchen.

Der EZ-GO bietet darum auf 5,20 Metern Länge von beidem etwas: Eintreten lässt sich in das elektrisch angetriebene Fahrzeug ohne Lenkung, Bremspedale oder Fahrer ganz bequem von vorn. Dazu schwingt die Glaskanzel des 1,60 Meter hohen Autos so weit nach oben, dass auch 1,80 Meter große Passagiere bequem aufrecht hineingehen können. Rollator, Kinderwagen oder Rollstuhl fahren ebenso komfortabel über eine ausfahrbare Rampe in das holzbeplankte Robo-Taxi.

"Wir wollen das autonome Auto demokratisieren", sagt Ledoux dazu - und meint wohl auch: neue ZIelgruppen erschließen, die bisher eher nicht am Individualverkehr teilnehmen. Etwa, weil sie das aus Altersgründen oder wegen einer Behinderung nicht mehr können. Der andere Zuschnitt des Wagens erlaubt es auch, den Innenraum so radikal zu verändern wie noch kein ähnliches automobiles Konzept.

Im EZ-GO betritt der Reisende zwischen den 3,80 Metern Radstand eine U-förmige Sitzgruppe mit Platz für mindestens sechs Personen, die sich mit maximal 50 km/h dank Allradlenkung ziemlich wendig durch die Stadt kutschieren lassen können. Dabei schauen sich die Passagiere plauderfreundlich an - oder durch die raumhohen Fensterfronten nach draußen oder oben. Bei zu viel Sonne dunkelt sich das Glasdach aber von selbst ab.

Mit dem Sofa am Panoramafenster

Stephane Janin, Chefentwickler der Concept-Cars bei Renault, sieht in diesem Design eine Zukunftschance für das Auto. "Es passt damit in das Ökosystem der modernen Menschen - sie wollen ein zweites Wohnzimmer; mit dem Sofa am Panoramafenster." Befreit von den Fahraufgaben, wollen sie nicht nur wie bisher ein Taxi bestellen, in dem sie auf dem Rücksitz mehr oder minder sinnlos dem Ziel entgegendämmern. Das Fahrzeug selbst soll zum aktiven Lebensraum werden.

Und das ist im EZ-GO kein Futurologen-Blabla. Nicht nur die Anordnung der Sitze zeigt das. Gepäck oder Einkäufe lassen sich unter den Sitzen verstauen, so dass der Kommunikation im wahren Wortsinn nichts im Wege steht. Auf einem großen LCD-Bildschirm in Fahrtrichtung werden nach Bedarf Navigationsdaten, Sehenswürdigkeiten oder auch mal ein Film angezeigt. Der Passagier kann das über eine passende App auf seinem Smartphone mitbestimmen.

Das schlaue Handy ist überhaupt die zentrale Bedieneinheit für den mattsilbernen Keil. Per App kann der Reisende seinen EZ-GO nach Hause bestellen. Oder vielmehr Yannick, Isa oder Per … die einzelne Fahrzeuge haben nämlich Namen. Jedem EZ-GO-Nutzer sein persönlicher Chauffeur sozusagen.

Janins Handvoll Designer durften sich am Concept-Car austoben, weitgehend befreit von den Zwängen automobiler Serien-Regularien. Deswegen steht der 1,7 Tonnen schwere EZ-GO auch technisch auf ziemlich eigenen Füßen. Der Elektromotor hinter der silbernen Wartungsklappe im Heck treibt die vollverkleideten Hinterreifen an, die induktiv ladenden Batteriepacks - 300 Kilo schwer - werden bislang noch nirgends anders eingesetzt.

Technik-Keil mit Ultraschall-Sensoren

Und auch die Steuerung für das autonome Fahren ist neu: Radar-, Lidar-, Ultraschall-Sensoren und Kameras stecken in einem Technik-Keil, der bei der Fahrt aus einer Finne am Heck des Fahrzeugs nach oben fährt. Da die Karosse wie ein umgedrehter Diamant zu allen Seiten nach unten abfällt, lässt sich aus dieser einzigen Zentrale für den Lidar-Sensor per Laser das ganze Auto überwachen und steuern. Das könnte Schule machen, wenn Renault sein Robo-Car in der ersten Hälfte des kommenden Jahrzehnts im Straßenbetrieb einsetzt.

Wo der EZ-GO dagegen noch weit von der Serie entfernt ist? Da sind zum Beispiel die verspielten, scharf geschnittenen Rücklicht-Elemente im zerklüfteten Heck. Keine Behörde würde aus Gründen der Crashsicherheit wohl so ein Design zulassen. Und auch, ob Sitzbänke mit reinen Zweipunktgurten die Gnade der Zulassungsbeamten weltweit finden, scheint fraglich. Seitenaufprallschutz? Da sieht es durch die großen Fenster auch nicht ganz sattelfest aus. Aber ein Concept-Car soll ja eben ein Konzept sein. Renaults EZ-GO beweist vor allem: Das Auto hat noch Zukunftschancen. 

 
 

Copyright © 1999 - 2019 by AUTO SERVICE PRAXIS Online (Foto: Renault)

 


 
Zurück Artikel drucken Kommentar abgeben Heft-Abo
 
 
 

Kommentar verfassen

Schon gelesen? Die Top-Nachrichten

Ein Cabrio für Auswerwählte

Porsche-Speedster waren schon immer heiß begehrt. So ist es nicht verwunderlich, dass es auch für den neuen Zweisitzer trotz eines Preises von knapp 270.000 Euro eine enorme Nachfrage gibt. Doch die Produktion ist auf 1.948 Einheiten limitiert. ¬ mehr

22.05.2019

¬ Gesetzgebung

Weg frei für E-Tretroller

Die letzte formelle Hürde für sogenannten E-Scooter ist genommen. Mitte Juni soll es in Deutschland losgehen für die Tretroller mit Elektroantrieb. Vor allem auf den Radwegen wird es voller. ¬ mehr

Mazda3 EuroNCAP

Sieben mal fünf

Sterne-Regen in der neuesten Euro-NCAP-Testrunde: Gleich sieben Modelle erhalten die Himmelskörper-Höchstwertung. ¬ mehr

zum 7-Tage Rückblick

Modellplaner 2019

Der Modellplaner unserer Kollegen von "Autoflotte" bietet Ihnen alle Neuheiten, Facelifts und neuen Motorisierungen auf einen Blick! ¬ mehr

Newsletter

Immer gut informiert.

Der asp Newsletter informiert Sie werktäglich über die aktuellen Branchen-Geschehnisse. So erfahren Sie alle relevanten Infos. Jetzt kostenlos bestellen und immer top informiert sein!

Spezial

R-1234yf

R-1234yf

Chronologie der Diskussion um das neue Klimaanlagen-Kältemittel. ¬ zur Spezialseite

Rückrufdatenbank

Aktionen der Automobilhersteller und Importeure seit 2001,
sortierbar nach Marken und Zeitraum.
¬ Zur Übersicht

Branchenrecht


Werkstattkatalog

asp_wki_box_60x60

Alles für die Werkstatt!

Einmalig umfangreicher
Überblick zum Angebot der Werkstattausrüster.

¬ Zum Werkstattkatalog